Montag, 6. Februar 2012

Konsequenz und Strenge

Das folgende ist ein Gegenbild zu persönlichen Erfahrungen (siehe im Text):
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Auf der Bank neben mir eine Familie.
Die Eltern in den End-Dreissigern. Ein Mädchen, etwa 8 Jahre, ein Knabe, etwa 5 Jahre. Der Mann spricht intensiv auf die Frau ein. Das Mädchen sitzt aussen, neben dem Vater. Während der Mann spricht, ruft sie dazwischen: "Mammi, hast du das von Julia ...". Der Vater spricht weiter, die Frau hört zu. Das Mädchen setzt erneut an: "Mammi, Mammi, hast du ..." Der Vater: "Ich spreche!", wendet sich dabei kurz zur Tochter und spricht dann weiter mit der Mutter.
Das Mädchen sinkt zusammen, mit einem trotzigen Stöhnen und schlägt sich mehrmals mit der Faust auf den rechten Oberschenkel. Es wendet sich ab und schweigt etwa eine Minute lang, also sehr lang und bleibt dabei an den Vater angelehnt.
Die Autorität des Mannes war keine handgreifliche, sondern eine der Konsequenz. Was er sagte, tat er, was er versprach, hielt er ein, das war schon in der Stunde zu beobachten, die *ich neben der Familie sass. Denn, die beiden Kinder waren keineswegs verschüchtert oder gar ängstlich im Umgang mit den Eltern oder der MitWelt, sondern aufgeweckt, offen und fröhlich. Das Mädchen lief vor dem Vorfall und danach zwischen den anderen Menschen, Fremden, hin und her und fragte mich, ob der Hund, der neben mir lag, meiner sei und ob sie ihn streicheln dürfe. Ich verneinte und zeigte auf den Hundebesitzer, sie lief zu ihm und bekam den Namen des Hundes und die Erlaubnis zu streicheln, der kleine Junge lief brummend mit einem kleinen Spielzeugauto zwischen den Beinen der anderen Menschen umher.
Nachdem der Mann ausgespochen hat, wendet er sich zur Tochter und fragt: "Was möchtest du sagen?". Sie ist jedoch längst woanders, schaut ihn nur fragend an und zuckt kurz mit der Schulter, schweigend. Der Mann redet weiter mit der Frau.
Später, der Sohn hat vom Essen einen verschmierten Mund, der Vater fordert ihn auf: "Wisch dir bitte den Mund ab". Der Knabe reagiert kaum, windet sich etwas und blickt dabei zur Mutter. Der Mann fordert ihn ein zweites mal auf: "Wisch dir bitte den Mund ab". Der Knabe schaut auf den Tisch und schaukelt leicht mit dem Oberkörper, reagiert aber wieder nicht auf die Aufforderung. Der Mann wird nun etwas lauter: "Wisch dir jetzt den Mund ab, sonst ist aber Zappenduster!". Zurückgelehnt, die Hände lässig unter dem Tisch, zwischen den Beinen. Der Knabe nimmt das hingehaltene Taschentuch, von der Frau und wischt leicht unter dem Mund. Der Vater fordert: "Wisch dir den Mund richtig ab". Der Knabe wischt leicht über dem Mund. Der Mann fordert: "Wisch dir den Mund ab, los, aber richtig!". Der Knabe schmirgelt mit dem Taschentuch mehrmals über die Lippen, streckt dann die Zunge heraus, lacht zum Vater und zur Mutter, wirft das Taschentuch auf den Tisch und streckt erneut die Zunge heraus, zur Mutter, die ihn mit dem Smartphone fotografiert. Er posiert etwas und fällt der Mutter dann in den Schoss: "Will die Fotos sehen!", lacht er.
Das Mädchen ist inzwischen zu einer zeichnenden Frau gegangen und schaut längere Zeit auf den Block, dann fragt sie: "Was zeichnen Sie da?, was ist das?". 
Warum schreibe ich diese Nachmittags-Episode auf? Weil es eine völlig andere Form der Prägung ist, wie *ich sie erlebt habe, besser: erlitten habe. Die Kinder folgen nicht aus Gewaltandrohung und Verunsicherung, sondern aus Konsequenz und Einsicht; aber auch einem liebevollen Vorbild, von beiden Eltern. Die Strenge des Vaters ist keine der Angst, der Rohheit, also des Unverständnisses, sondern eine der strikten Konsequenz, der Folgerichtigkeit von Ankündigungen, in Worten und den daraus folgenden Handlungen. Es ist Verlässlichkeit und Erklärung.
Ich lernte zu folgen, weil *ich sonst Strafe (Ablehnung, Miss-Achtung) und/oder Gewalt zu befürchten hatte.
Die beiden Kinder fürchten nicht, sie folgen der Folgerichtigkeit und der Strenge, welche allerdings eine liebevolle, eine verständnisvolle ist, denn sowohl das Mädchen als auch der Knabe kuschelten davor und danach mit dem Vater. Die Frau stützt diese Handlungsweise. Sie mildert die Strenge und Forderungen des Mannes in keinem Fall ab, und Sie ist keineswegs weniger klar und deutlich als Er. Sie tut es somit nicht aus Unterlegenheit oder gar Unterwürfigkeit.
Dass das Mädchen sich mehrmals auf den Oberschenkel geschlagen hat, - nach der Zurechtweisung durch den Vater -, zeigt, dass die Ungeduld und Ignoranz eines Einzel-EsLebeWesens in und "gegenüber" der umgebenden Gemeinschaft, schmerzliche Gefühle sind.
Die Frage an die Mutter, nach dem Ausreden des Vaters, wäre ohne Schmerzen gewesen, sie wäre sowohl der Mutter, als auch dem Vater, willkommen gewesen und beantwortet worden.
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Diese andere Umgangsweise zu beobachten, war ein Genuss!
Mit meiner so anderen, so einengenden, Erfahrung im Kreuz und den Beinen, merke ich diese erleichternde, achtsamkeits- und bewusst-sein-s-fördernde Weiter-Entwicklung des Umgangs und Vorbildes für die nachwachsende Generation, umso deutlicher.
Angst, Drohungen und Schmerzen sind die Behinderung von Solidarität, Respekt und Aufmerksamkeit. Aber genau diese Gefühlsumstände brauchen Wir, um das Gefühl (Innen), die Wahrnehmung (Bewusst-Sein, als Vermittlung und Interpretation von Innen und Aussen) und die Sinne (Aussen) weiter auszubauen und zu stärken und damit die Verantwortlichkeit füreinander und umeinander auszubauen. Diesen Dienst fordert das DaSein von der Lebendigkeit.
So spüre *ich das und so ist die Richtung, in die das Verhalten der kleinen Familie zeigt; und in welche die kleineren und grösseren Aufstände in der Welt weisen, die sie im Augenblick beweisen.
Ein aufmerksamer und friedlicher und liebevoller Umgang im so kurzen und auch sonst so begrenzten DaSein scheint am Horizont (Zukunft?) auf.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Zitate 07

Aristoteles oder der griech. Arzt Galen (2.Jh.): "Omne animal post coitum triste", ist auf Deutsch: 'Nach dem Orgasmus ist jedes Tier traurig'.
Die postkoitale Depression übermannt vorwiegend, von überfraut weiss ich wenig, aber ...?


Von ?: "Heilige haben eine Vergangenheit, Sünder haben eine Zukunft."
D'Accord! In diesem Sinne: Auf die Sünde!

Christa Wolf: "Auffallend ist, das Wir in eigener Sache entweder romanhaft lügen oder stockend und mit belegter Stimme sprechen. Wir mögen wohl Grund haben, von Uns nichts wissen zu wollen, oder doch nicht alles, was auf das Selbe hinausläuft. Aber selbst, wenn die Hoffnung gering ist, sich allmählich frei zu sprechen und so ein gewisses Recht auf den Gebrauch jenes Materials zu erwerben, das unlösbar mit lebenden Personen verbunden ist, so wäre es doch nur diese geringfügige Hoffnung, die, falls sie durchhält, der Verführung zum Schweigen und Verschweigen trotzen könnte." Aus: 'Kindheitsmuster'.
Mit dem "Material" meint Christa Wolf wohl: die Sprache, so vermute ich. Schön formuliert. Ja, es ist Zeit, das Wir und "FREI" sprechen, das also die Lebendigkeit sich Selbst erfasst, erkennt und das erkennt und begreift worin es ist, damit Wir ALLE damit etwas anfangen können, statt, wie bis Jetzt, vor diesem Anfang herumstehen, statt loszugehen. Aber das wird bald passieren.

Patrick Dandrey: " Unsere Kultur ist im Grunde eine Museums-Kultur".
Gesagt, aus der Erkenntnis heraus, das Wir inzwischen fast in der Lage sind, Alle Ereignisse und Verbindungen zu speichern und in "Fächern" abzulegen. Es fehlen nur noch die Flächen und Glaskästen dafür, um die Bits und Bytes unseres DaSeins auszustellen.
Und zum "Künstler" sagte er: "Künstler müssen das, was vor Ihnen war vernichten, um ihm nicht nostalgisch nachzuhängen, sondern wirklich Neues zu erschaffen."
Na, da bin ich vorsichtig, das "vernichten" missfällt mir da, ich bin dabei, wenn es darum geht, die Vergangenheit in der Aktualität abzuschliessen und weiterzugehen, aber gleich zu vernichten? Ich denke noch einmal darüber nach.

Gilbert Marquis de La Fayette: "Das gute Gedächtnis ersetzt dem Narren den Verstand."
Gesagt, (ca. 1775), zum Compte de Provence (dem zukünftigen König Ludwig XVIII), auf einem Ball in Versailles.
Was für ein Mensch! Aufrichtig, klar und mutig.