Donnerstag, 21. Februar 2013

Dank an Durs Grünbein

Ich habe es in *mir, dieses Gefühl, diese Tragik, diesen tiefen inneren Ansporn, aber die Worte, das Alles zu beschreiben, auf sanfte, auf belesene und erfahrene, auf beruhigte, auf souveräne Art und Weise ist *mir nicht gelungen.

Ich bin dabei, eine ganz persönliche Stimmung, Stimme und Meinung zu finden und dabei helfen *mir und mit, - wie Allen Anderen auch -, die Anderen, die auch suchen und irren und finden und erkennen und weiter blicken, als es Normal ist. Einer davon, nur Einer, denn es sind so VIELE!, aber diesen habe *ich gerade wieder erlesen, ist Durs Grünbein.
Um dessen Gedanken zur aktuellen Lyrik und zum Denken selbst nicht zu vergessen und für Interessierte, habe *ich sie hier auch eingestellt.

Aber DaZwischen ein unpassendes Bild, aber ein passendes für diese Jahreszeit.
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Was m*ich kennt, weiss, wie sehr *ich die
Schönheit vieler Pflanzen bewundere
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Aus der Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 26.05.2012, von Durs Grünbein

Titel der Print-Ausgabe: Fussnote zu mir selbst

Ich habe die Straße der modernen Poesie an ihrem oberen Ende betreten, dort, wo sie überging in die schmucklosen, tristen Vorstädte, bei den Endhaltestellen der Straßenbahnen, den Autobahnzufahrten. Was ich als Erstes sah, waren graue Mauerstücke, Lücken zwischen den Häusern, Gräben entlang der Straße, das Erdreich aufgerissen, zerwühlt. Meine Heimatstadt war vom Krieg zerstört.

Ich musste feststellen, dass zuletzt beinah alles auf der Strecke geblieben war: die Versformen, der Grundrhythmus der Strophen, die großen balladenhaften Spannungsbögen, der Geheimnischarakter, die feine Lineatur der bedeutungsreichen Worte, schließlich die Poesie selbst. Wenn jemand erklärt hätte, sein Dichten verfolge die Absicht, dem Ausdruck Klarheit zu verschaffen, dem Versbau Bedeutung, dem Klang der Worte Anmut und Leben, man hätte ihn ausgelacht. Es galt als abgemacht, dass das meiste, was die konventionelle Lyrik bereithielt, nurmehr Plunder war, etwas Unbrauchbares, das dem direkten Ausdruck im Wege stand. Ich las Rimbauds Schilderungen von seiner Jahreszeit in der Hölle und nahm es als realistischen Bericht, die Umwelt darin war mir vertraut. So fing mein Dichterleben an.
Es war eine Befreiung, die den innersten Kern des Poetischen sprengte und dabei ungeahnte Kräfte freisetzte. Wer sich mit der Musik vieler Jahrhunderte angereichert fühlte, mochte getrost dem Lockruf ins Offene folgen, er würde sich in der nackten Gegenwart aufgehoben fühlen wie in Abrahams Schoß. Wer sein Vertrauen zum Wort behielt, dem kam nun die Komik, die allem Ausdruck innewohnt, von allen Seiten zu Hilfe, und das Absurde war ihm ein Trost. Über die Grenzen der geschlossenen Gesellschaft hinaus

Es hatte sich erwiesen, dass Gedichte mehr sind als feststehende Rituale in lange befestigten Formen. Mochten sie auch ihre Würde dem uralten Status der Elegie verdanken, sie waren doch mehr als nur Verlust- und Vergänglichkeitsbilanzen, Feiertagsgeschenke oder Zutat auf Trauerannoncen. Seit den Tagen der frühen Moderne war jeder Stilbruch erlaubt - im Namen der Überraschung. Ausdruck war nun etwas Unmittelbares, man erzwang ihn durch Inkongruenz, Disharmonie, gewagte Sprünge, die Kombination des scheinbar Unvereinbaren. Damals hat das Gedicht, mit einem verführerisch jungen Lächeln, all seinen zeremoniellen Befangenheiten adieu gesagt. Damals hat es, neben den entlegeneren Nerven, auch seine Muskeln entdeckt, sein freches Grinsen, die Süße, die in der Zerstörung der Formen lag. Den Verlust seiner Schmuckfunktionen sollte, wie sich zeigte, ein Zuwachs an Mimik aufwiegen, eine erhöhte Alarmbereitschaft für die kleinen tragischen wie die großen komischen Dinge des Lebens. Der Augenblick zog in das Gedicht ein, sein Stilmerkmal war das scharf beobachtete Detail. Und wachsam hielt er von nun an dort die Stellung, im Zentrum des Gedichts, misstrauisch gegen die dunklen Heere der hysterischen Ideen, mit ihrem Potential, alles ringsum zu verwüsten.

Nach vielen Jahren ununterbrochener Praxis kann ich sagen: Das Gedichteschreiben ist wohl zuallererst eine Übung in radikaler Selbsterforschung. Es wendet sich gegen die Generalisierungen. Es unterläuft den Roman der Geschichte, die immer kollektiv voranschreitet, rechthaberisch in ihrem Anspruch, den Einzelnen mit seinen Eigenheiten zu vereinnahmen. Dagegen steht das Gedicht, das aus den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts gelernt hat. Ich erinnere mich, dass ich der großen Erzählungen sehr müde war, schon am Beginn, als ich anfing, regelmäßig zu schreiben.

Ich war siebzehn, als ich mit der modernen Poesie mein Glück versuchte. Es war wirklich nichts Besonderes. Man kratzte sein weniges Erspartes zusammen und setzte auf ein paar magere Zeilen. Ich begann mit einer einfachen Lektion. Sie betraf diesen Körper - das Einzige, was der Staat, in den ich durch genetischen Loswurf hineingeraten war (der glorreiche Arbeiter-und-Bauern-Staat DDR), beschlagnahmen konnte, indem er mich zum Militär einberief und in die Großbetriebe zur Produktion. Dann fand ich bei dem jungen Ossip Mandelstam den Vers: „Man gab mir einen Körper - wer / sagt mir, wozu? Er ist nur mein, nur er“, und fortan war es um mich geschehen. Aus der Sicht dieses Körpers musste etwas getan werden, wollte man nicht als Gefangener enden eines Regimes, das auf ebendiesen Körper Anspruch erhob, indem es ihm geographische Grenzen setzte, ihn disziplinierte und als Geisel einbehielt für etwas, dessen es anders nicht habhaft wurde - nennen wir es Ich oder Seele oder Bewusstsein. Dafür, dass es dies Unfassbare, stets Unzuverlässige nie ganz vereinnahmen konnte, rächte es sich mit der Beschlagnahmung jenes, der nur allzu sichtbar war, eine leichte Beute. Not macht erfinderisch: Das Schreiben war damals mein erster Schritt über die Grenzen des Körpers und der geschlossenen Gesellschaft hinaus.

Einsiedler inmitten der Gesellschaft

Jede Generation entwickelt ihre eigene Sensibilität, heißt es. Man versteht dies unmittelbar, wenn man eine Gruppe junger Menschen beobachtet, dem Krachen ihrer Skateboards lauscht, ihren angesagten Songs zuhört, ihre Gesten studiert. Es ist eine neue Art, auf der Welt zu sein und auf diese zu reagieren. Die Landstraße mag noch dieselbe sein, aber die Kinder, die sich auf ihr zum Spiel verabreden, sind andere, sie sprechen andere Sätze, ihre Träume haben sich verändert - wohin, wird die Zukunft zeigen. Genauso verhält es sich mit der Poesie. Über diese schlichteste und zugleich rätselhafteste aller Künste hat Jean Cocteau gesagt: „Sie ist unerlässlich, aber ich weiß nicht genau, wofür.“ An dieser Unbegründbarkeit liegt sehr viel. Sie ist vermutlich sogar die Essenz der Sache, darum bleibt das Zitat auch über die erste Erheiterung hinaus gültig.

Was ihre Gegenstände betrifft, so sind sie tatsächlich uralt und bei allem Variantenreichtum beinah stereotyp, wie es scheint. Es sind die Liebe, das Begehren, das Rätsel der Zeit, die Schocks der Erkenntnis, die einer am eigenen Leib macht - und der immer wiederkehrende Glücksmoment, sich als Teil des Universums lebendig zu fühlen. Dies drängt im Gedicht zur Sprache, koste es, was es wolle. Aber es ist das spezifische Erlebnis eines Einzelnen, das hier für Abwechslung sorgt und die Dinge von Zeit zu Zeit neu erstrahlen lässt - so noch nie zuvor angeschaut.

Heute kann ich hinzufügen: Der Dichter ist wirklich das Wesen, das seinem Leitstern folgen muss, seinem daimon, wie es in der Sprache des Sokrates hieß. Dass es ein Philosoph war, der mit dem Ausdruck auf der Rolle des Individuums beharrte, sagt uns, wie eng das Erwachen der Persönlichkeit im frühen Griechenland mit dem Erwachen des Geistes einherging. Niemand sollte sich von der später so bequemen Trennung in Dichten und Denken irremachen lassen. Besser, man geht von einer Arbeitsteilung aus, die am Ende allen zugute kommt. Der Dichter muss seiner eigenen Traumwirklichkeit folgen, nicht selten auch seiner abgründigen Psyche, wie es alle die Zerrissenen taten, die sich ins goldene Buch der Menschheit eintrugen - hier hat jeder seinen Favoriten parat. Der Dichter ist einer, der lernen musste, allein zu sein, nonkonform, keinem verpflichtet - keiner äußeren Macht, keinem höheren (religiösen oder philosophischen) Prinzip, nicht einmal einer vorherrschenden literarischen Strömung. Er wird aber, bei aller sozialen Kontaktfreudigkeit, auch dann noch der Einsiedler inmitten der Gesellschaft sein, wenn alle Religionen, alle demokratischen Ideale zu kollektiver Routine verkommen sind.
Die Unabhängigkeitserklärung der Poesie

„Dichtung ist der Triumph der Kontemplation“, sagt Wallace Stevens, und er tat es mit herausforderndem Blick auf die Philosophie. Das erinnert an das platonische „Selbstgespräch der Seele“, das bei den Griechen begann, nein, früher noch, im Alten Ägypten mit dem lyrischen Liebesgeflüster einiger Hofdamen, und im Grunde nie aufgehört hat. Dieses Selbstgespräch, unter Einbeziehung eines heimlichen Mitwissers, als welcher der Leser ins Spiel kommt, sobald das Gedicht das Licht einer Buchseite erblickt, ist die Grundbewegung, der innerste Antrieb der Poesie.

Dabei gilt: Die poetische Wirklichkeit ist eine andere als jene, die uns unterm Namen Realität immer neu verkauft werden soll. Sie ist zugleich flüchtiger und dauerhafter als diese. Sie legt sich nicht mir ihr an, warum auch? Sie sieht das Fadenscheinige jeder Realität, die menschlichen Konstruktionen dahinter und überwindet sie spielend mit Hilfe der Imagination. Sie erzieht den, in dem sie erwacht, zum permanenten Widerstand gegen den Fatalismus der Fakten und ist damit politischer als jede Politik. So ist die Unabhängigkeitserklärung der Poesie auch mehr als ein bloßer ästhetischer Akt. Sie verdeutlicht das Lebensprinzip, dem jeder Mensch, wie verstrickt und von den Umständen korrumpiert er auch immer sich durchwindet, in der Sehnsucht doch folgt, ob er nun schreibt oder nicht. Das Wagnis der Dichtung besteht nur darin, dass sie dies demonstrativ tut, für jeden nachprüfbar, der an der unvergesslichen Wendung, der Aussagekraft von Metapher und Gleichnis einen Halt zu finden sucht, während Zeit ihn davonreißt. Dichtung ist die Garantie dafür, dass es sich gelohnt hat, die Muttersprache zu erlernen. Wenn es ihr gelingt, findet sie hin und wieder das schlagende Bild, das auf der inneren Retina bleibt und einen lebenslang schützt und begleitet.
Ende FAZ-Text.

Dienstag, 19. Februar 2013

Deutsch-trunken

Oh weh, es tut mir weh, übers Deutsche Sein zu schrei'n, übers deutsche Sein einen Abgesang zu schreiben, übers Deutsche weh, übers deutsche Juchee, so oft schon beklagt und abgeschworen und doch noch aktuell, durch alle Krisen und immer noch die Frage, was so besonders ist am deutschen Klagen, am Deutsche ach so weh, am deutschen juhuu und Juchee, die Jungen könnens kaum mehr hören und sind so international, ob das wohl von Bedeutung ist das International, wo doch kaum ein-Es schon europäisch ist, was europäisch ist, was national nicht sein darf, weil klein ist und doch ist und *ich hier ist deutsches und möcht es so gerne vergessen, möcht einfach Mensch sein und darf noch nicht, weil fast Alle anderen noch national sind, ohh, wie gerne wüsst *ich, was so speziell ist am National daSein, am hier und mir Deutsch-daSein?
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Schumannstr. 13 in Berlin
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Ist die Selbst-Zufriedenheit eine Deutsche Grösse?
Bestimmt, aber eher weniger in den deutschen Dichtern: "... denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.", oder?
Lassen Sie den Heine in Ruhe, hatte er nicht vielleicht Recht!? In den deutschen Dichtern, egal aus welchem RaumZeit-Alter, wenn sie etwas weiter gereist waren, also etwas herumgekommen sind in Europa oder sogar noch weiter, legte sich bei der Heimkunft jeweils so ein Schleier der Larmoyanz über die HeimatLiebe, ach und och und weh ...

Trunken vor Freiheitslust ward das Mensch, sobald Es das heimatliche Ei verlassen hatte; und konnte das anders-daSein kaum erwarten und manchmal auch kaum aushalten, das anders Mensch-daSein, als deutsches Mensch daSein, fränzösisches Mensch daSein zum Beispiel, römisches Mensch daSein, auch gerne griechisches Mensch daSein (verzeihen Sie, aber *ich spreche auch von einer RaumZeit auch vor der Krise und die ist wesentlich länger, als die RaumZeit der momentanen Krise und da galt das Griechische ganz vergangenheits-trunken und aktualitäts-vergessend, als die nächste Nähe zum Paradies), ziemlich unausstehlich wurde einem der Rückblick von GrossBritannien aus, so frei, so weit, so derb, aber auch so zart, wirklich zart!, nicht dieses blümerante "zart" sein, wo ein-Es vor lauter drögen Andeutungen fast erstickt, ja von Ferne gefror ein-Es oft der Blick und wenn Es dann wieder zurück kam, in die Kleinheit, in die Enge des Zuhause, passierte vielleicht auch folgendes mit einer Dichterseele; einem DichterVerstand lief dann gerne auch mal das Fass über:
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Friedrich Hölderlin
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Aus Friedrich Hölderlins: „Hyperion“

"So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden. 
[...] 
Barbaren von Alters her, durch Fleiss und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark [...], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes - das, mein Bellarmin, waren meine Tröster. 
Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen - ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt? 
Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag' es auch. Nur muss er es mit ganzer Seele treiben, muss nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel passt, muss nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heisst, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoss ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viel Stümperarbeit und so wenig Freies, echt erfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müssten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlassnen Unnatur auf solchem Volke. - 
Die Tugenden der Alten sei'n nur glänzende Fehler, sagt' einmal, ich weiss nicht mehr, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt' ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie taten, nichts getan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach!, die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Misslaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen. 
Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlich rein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zwek, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott!, es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig' Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der Sklave seine Ketten froh vergisst und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind - wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach' und kümmert sich nicht viel ums Wetter! 
Aber du wirsts richten, heilige Natur! Denn wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Gesetze sich nicht machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! - 
Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? 
[...] 
Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht, wie der Dulder Odysseus, da er in Bettlergestalt an seiner Türe sass, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht? 
Voll Lieb' und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk' heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäte, dass er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem!, der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu tun hat. 
Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlassnen einer sagte, dass bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, dass bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihens, die göttliche Natur nicht achten, dass bei ihnen eigentlich das Leben schaal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähen, der Kraft und Adel in ein menschlich Tun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb' und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt. 
Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höheres sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt. 
O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie die Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und gross sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimat aller Menschen ist bei solchem Volk' und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so beleidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach!, da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andere Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Mut, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Segen jedes Jahres und alle Götter fliehn. 
Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! - 
Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Namen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten.

Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Beleidigungen, wollte nicht, dass meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute. 
Aber der himmlische Frühling hielt mich auf; er war die einzige Freude, die mir übrig war, er war ja meine lezte Liebe, wie konnt' ich noch an andre Dinge denken und das Land verlassen, wo auch er war?".

Jetzt verwechseln Sie *mich bloss nicht mit diesem Menschen!
Aber nachempfinden kann *ich das schon, so manchmal, als ein-Es, das auch etwas herumgekommen ist und andere erLebens-Kulturen und Wetterarten und Handlungsarten und Freundesweisen kennen gelernt hat. Und *ich lese diesen Text auch als: "vor dem Dritten Reich", *ich bin ja nun auch ein-Es derJeniges, das gerne Wissen und Ergründen möchte: Warum Hier und Warum so Viele.

Da lastet Etwas in Uns deutschen Menschen und das möchte entlastet sein, aber das nur am Rande. Ich frage beim Lesen dieses und vieler anderer Heimkehrer-Texte auch einen Verlust heraus, einen Verlust der Eigenheit, einen Verlust der Vielfalt.
Warum wollen Wir deutschen Menschen nicht mehr so herzergreifend Leiden und mit dem Deutsch-daSein so unerquicklich unzufrieden sein, warum wollen Wir deutschen Menschen die grunzende Selbst-Bemitleidung so dringend aufgeben, warum den stechenden Selbst-Hass aufgeben? Ich frage Sie, als deutsches oder anderes Mensch, warum sollen Wir das aufgeben, es hat Uns doch bisher so deutlich geziert, oder etwa nicht?

HerrGott noch mal, ich mag das, mich als deutsches Mensch ewig um den Schmerz bekümmern, täglich ein wenig über das vergangene Leid wimmern und Alle anderen um deren anders-daSein beneiden, ausser vielleicht Sie sind Afrikaner, oder Afghane, oder Bengale ... aber sonst.

Ist das Bohren in der Tiefe nicht etwas typisch Deutschöstereichisches, ist das nicht vielleicht sogar unsere Aufgabe im DaSein, die Tiefenbohrung, es sind doch schon genug ander-Es dabei in der Nähe oder der Weite herumzustreifen, des deutschen Menschen Frust ist es also tiefer zu gehen und noch ein wenig tiefer in das Leiden des Mensch-Seins, nicht etwa in die Freuden, Nein, das überlassen Wir den Briten, Nein Wir bohren in den Schmerz, immer tiefer, aber ...

Tja, gehts noch? Kommen Sie mal wieder hoch hier, Hierher, bitte. Schauen Sie mal zurück, in das Loch, das Sie da mit *mir nun gebohrt haben ...
Sehen Sie das? Mhh? Aber *ich Bitte Sie, Sie sehen doch wohl das Licht dort unten, Sie sind doch schon fast durch gewesen, fast wären Sie hinausgefallen, so einfach hinaus aus dem Leiden, das geht doch nicht, ist doch schon genug, jetzt bleiben Sie mal hier und machen eine längere Pause, genug gebohrt, reicht schon ... einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, wollen Sie was trinken, vielleicht ein Nutella-Brot?

Es bleibt die Frage: Wenn das deutsche Mensch nicht mehr unzufrieden sein darf, nicht mehr nur Zweiter sein darf, nicht mehr tiefer sein darf, als selbst die russischen Menschen es noch sind, was bleibt dann noch Deutsch, sind Wir irgendwann alle US-amerikanische Menschen, voll mit der Zukunft versöhnt, voll bewaffnet und abgeschnürt von der Herkunft?
Fortsetzung folgt.