Mittwoch, 14. August 2013

Ernst-lichkeit

Knips die Nachrichten an. Und schon geht es los.
Wenn *ich auf den Strassen herumgehe. Lachen, rempeln, pöbeln, hetzen, ...
Unbewusstes tun.

Die Vernunft ist ein Drohpotential?
Oder ist es die Vergangenheit, die Biologie, die ganze lange Herkunfts- und Wachstums-Geschichte der Spezies und die Traditionen der Heimatregionen?
Steckt die Furcht und die Befürchtung in der Logik oder im Gefühl, was hebt den Zeigefinger fuchtelt bei jeder "falschen" Bewegung?

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Weihnachts- oder Jahresend-
Deko in der Brezel Bar
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Ein subrealer Dialog:

A: Wollen Wir mal ernsthaft sein?
B: Sind Wir das nicht immer?
A: Ständig.
B: Gut, also ständig. Anständig?
A: Nein.
B: Was gefällt Ihnen daran nicht?

A: Stehen Sie gerne irgendwo an, so wie früher, um ein paar Kartoffeln, einen Günstig-Computer, oder ein Teuer-HandPCTelefon, ich nicht. Und ich mag auch die Vorstellung von anständig nicht, auch andächtig ist sehr unbeliebt in mir. Anständig hat etwas unterwürfiges, etwas demütig abwartendes. Das ist einfach überholt in einem Selbst, das bewusst ist, was für eines Selbst und für andere Selbst notwendig, friedlich, aufmerksam, mit-empfindend und fair ist. Die Anständigkeit wartet auf Anweisungen und braucht sie auch, das ist etwas für Kinder oder für in Anführungsstrichen Erwachsene. War das ernst genug?

B: Grandios, wie Sie bei manchen Themen auf die Pauke hauen. Grandios, wirklich. Ihre Ernsthaftigkeit ist dabei unerbittlich, mir ist fast so als stünde ein Lehrer der Vergangenheit mit Rohrstock vor mir, den Rohrstock langsam und dadurch umso bedrohlicher durch die Hand gezogen. Ja. Wenn Sie mal loslegen, sind Sie unerbittlich, aber ich vermisse dann ein wenig Verständnis für all die Unzulänglichkeiten, der Unsicherheit dem Misstrauen und dem Chaos, in denen Wir ebenso baden, wie in der Vernunft und der Folgerichtigkeit.

A: Und wie lange tun Wir das noch?
B: Wie lange Wir noch baden?
A: Wenn Sie es so bebildern wollen, ja.
B: Ich ahne es noch nicht, aber so, wie es jetzt ist, noch etwas länger.
A: Baden in Unzulänglichkeiten, Misstrauen und ohne viel Vernunft. Was für ein Bild?

B: Haben Sie den Verdacht, dass Wir dabei in den Spass abgleiten, in die Wollust und das reine Vergnügen?
A: In den Spass, ja, aber das Vergnügen und die Wollust halte ich für sehr ernsthaft. Das Vergnügen und die Wollust sind keine Unzulänglichkeiten oder gar ein Spass, diese Unterscheidung ist mir wichtig.
B: Also ernst?

A: Es bereitet Ihnen Vergnügen, oder?
B: Dass es Ihnen Ernst ist? Ja, dass Ihnen die Wollust ernst ist bereitet mir etwas Vergnügen, das gebe ich gerne zu, aber ich empfinde keinen Spass dabei.
A: Sie sind ein Scherzkeks.
B: Aber auf hohem Niveau.
A: Zugegeben. Ich habe schon weit schlechter gelacht.
B: Ernsthaft?
A: Mit Ihnen macht es Spass ernst zu sein, oder besser, es ist ein Vergnügen mit Ihnen Ernst zu sein.
B: Das mit dem Spass, nehme ich Ihnen aber Ernst, dass Sie es wissen! Beinahe wäre es Ihnen gelungen, mich zu demütigen und das ist unanständig, ohne Spass.
A: Gut, wollen Wir also nun ernsthaft sein?
B: Schlecht. Ich meine, ich kann Ihnen schlecht etwas abschlagen, wenn Sie es Ernst meinen. Also seien Wir ernst. Mit was möchten Sie beginnen?

A: Mit einem Rätsel.
B: Ohh, spannend! Und wie lautet es?
A: Es ist eine Suche nach der Frage.
B: Ach!? Naja, das klingt wieder weniger spannend, klingt eher ernsthaft. Es ist Ihnen also ernst?
A: Ganz und gar, weil es die Frage ist, weil es die Frage verlangt.
B: Und wie lautet die Frage?
A: Sie Scherzkeks, das ist doch das Rätsel ... ach, ich falle noch immer auf Sie rein.
B: Na, solange Sie nicht über mich fallen, oder gar über mich herfallen, ist es mir ein Vergnügen. Also, Sie geben mir eine Antwort und ich soll dann die Frage dazu stellen, wie in einem Kinderspiel?
A: Vielleicht ist es ja ein Kinderspiel, aber die Frage ist trotzdem ernst.
B: Bei Ihnen nehme ich das auch an, aber Scherz beiseite, wie ist die Antwort?

A: Die Antwort ist: «Triebhaft, Schmerzvoll, UnAchtsam, Beschränkend, Selbst-Kritik-los». Wie lautet also die Frage?
B: Keine besonders vorteilhafte Reihung. Ist wohl eine wirklich ernste Frage?

A: Eine Frage der angenommenen Position in der RaumZeit, zu Anderen MitGliedern in der RaumZeit, eine Frage der Ursache und Freiheit der Handlungsweise, eine des aufgenommenen und begriffenen Wissens, also der Bildung, eine Frage der Sicherheit im Umgang mit der RaumZeit, sowie eine Frage der Aufmerksamkeit und der Achtung im persönlichen Selbst, für das jeweilige Selbst und die UmWelt, also eine der Klarheit und Selbst-Entschiedenheit in der Richtung des persönlichen Tuns und Lassens.
B: Das ist ja ziemlich harter Stoff, den Sie hier auffahren! Wen wollen Sie denn damit erschrecken?

A: Erschrecken?
B: Lassen Sie es mich so sagen: das versteht doch kaum Ein-Es. Das mögen ja alles gute, vielleicht sogar passende Worte und Einschätzungen sein, aber was hilft's, wenn es K[aum]ein-Es versteht und es somit abgewehrt wird oder einfach durchrauscht?
A: Wenig.
B: Na, übertreiben Sie da mal nicht so.
A: Sie sind einfach ein Witzbold.
B: Danke, aber: "Eine Frage der Ursache und Freiheit der Handlungsweise ..." und so weiter. Und dann diese Antwort!? Wenn das mal kein Grund ist, sofort dicht zu machen, kehrt zu machen, und Ihnen noch nicht mal einen guten Abend zu wünschen. Was lässt-s ich denn schon solche grossgeschriebenen Eigenschaftswörter in die Ohren stopfen und dann auch noch gerne? Na, mir brauchen Sie damit auf jeden Fall nicht kommen, da stehe ich ja selbst beim Therapeuten auf und such mir einen, der mir ein paar weniger vorhält.

A: Und wenn die Antwort stimmt?
B: Na, Sie werden doch wohl auch ein paar nette Sachen anbringen können, oder? Dann stellen Sie die Frage eben etwas anders, dass dabei nicht nur solche Klöppse rausrutschen. Du bist blöd, ist ja gerade noch erträglich, aber, du bist blöd, öd, unwichtig und überflüssig, ist in einem Satz einfach mehr als Zuviel des Schlechten, selbst wenn es im Einzelfall stimmen mag.

A: Stimmt.
B: Bringen Sie es ein bisschen weniger eng auf den Punkt. und wir kommen vielleicht zusammen. Ich mag ja zugeben, dass einiges nicht gerade zu Besten bestellt ist, aber sooo schlecht ist es nun auch nicht und die vielen schönen Facetten, die es unzweifelhaft auch gibt, sollten Sie dann auch mit einflechten, sonst gibt es ein sehr schiefes Bild und das mag auch die Kunst nur seltenst.

A: Aber die Frage gibt davon nun mal wenig her, so wenig, dass das Bild schief wäre, die Antwort also unstimmig, wenn ich auch noch die paar wirklich anderen Facetten hineinquetschen würde. Ich kann ja wohl schlecht auf die Frage nach den Farben eines Stoffes, auch noch die Menge aller anderen Farben, die nicht oder kaum enthalten sind, in die Antwort füllen, das wäre dann doch Beliebigkeit und dem Frager wäre nicht geholfen, aber das ist doch wohl der Sinn einer Frage: die Hilfe, also ein Bedürfnis befriedigen, einen Mangel beseitigen. Wenn das DaSein auf jede Frage mit allem antwortet, das nur entfernt mit der Frage zu tun hat, wäre noch kein DaSein, dann wäre alles blosses Allerlei, also blosses SEIN, aber kein konkretes Etwas, also kein DaSein, keine Lebendigkeit, denn die braucht Bestimmung, braucht Eingrenzung, braucht also eine fühl- und sichtbare Haut, sonst wäre da nur Nichtigkeit.
B: Aha, so ist das, ohne Einschränkung keine Lebendigkeit?
A: Ja.
B: Und ohne Einschränkung keine Frage, sondern nur Antworten.

A: Eine Antwort.
B: Nur Eine?
A: Ja.
B: Wieso?
A: Erst die Frage verlangt eine Verengung und Verdeutlichung auf eine Antwort. Die Frage ist gleichsam die Spitze eines Zeigestocks, der auf einen Punkt, in der ansonsten punktlosen Masse deutet und diesen damit erst zu etwas besonderen macht.
B: Dazu braucht es aber Zwei, eine Masse und einen Stock mit Träger, also ein Gegenüber.
A: Sie sagen es, erst durch eine Trennung wird es möglich aus dem SEIN ein DaSein zu lösen, oder wahrscheinlich besser: Im SEIN ein DaSein zu schaffen, denn ich vermute, dass das DaSein ein Prozess ist, der im SEIN stattfindet.
B: Aha, das ist aber jetzt pure Philosophie, ein wenig Science Fiction, mit einer grossen Prise Phantasie und ein bisschen Wunschdenken, aber, was hat das mit der Wirklichkeit zu tun?

A: Das ist die Wirklichkeit.
B: Halt mal, das nehmen Sie an, Sie sprechen ja auch von "wahrscheinlich", denn Niemand weiss, wie die die ganze Sache wirklich aufgebaut ist, woher das kommt und was das alles soll? Alles nur Vermutungen, also bleiben Sie mal ruhig im Konjunktiv.
A: Warum?
B: Weil nichts klar ist, weil, "nichts genaues weiss man nicht".

A: Sie sind und ich bin.
B: Ja, gut und schön, aber Sie sprachen vom SEIN und vom DaSein und von den Beziehungen miteinander und zueinander, das ist wesentlich weniger konkret, als wir Beide, und was sind wir Beide denn, sind wir wirklich so konkret, wie es uns scheint, oder sind wir für Etwas anderes kaum unterscheidbare Masse? Ich vermute, nichts ist so klar, wie es Ihnen scheint, und ausserdem kommen wir mit dem Schein ganz gut zurecht. Wir haben Städte, das Internet, wir fliegen zum Mars, in den Labors wird geschuftet und probiert, dass wir bald 140 Jahre leben und, wer weiss, was wir noch so alles auskochen und ausbrüten? Vielleicht haben wir ja bald alle menschlichen Probleme gelöst und dann können wir uns den Fragen widmen, die Sie da so eifrig stellen, nach dem grossen Ganzen und so?

A: Die menschlichen Probleme?
B: Ja.
A: Welche wären das?
B: Na, die drei Ks.
A: Die drei Ks? Klären Sie mich bitte auf.
B: Kriege, Krisen, Klima.
A: Und da ist alles enthalten, was zwischen und um Uns so schief läuft?
B: Ja. Oder fällt Ihnen sonst noch etwas ein?

A: Die vier As.
B: Die vier As?
A: Amerika, Australien, Asien und Afrika.
B: Was ist daran problematisch?
A: Sind Sie schon mal geflogen?
B: Ach, jetzt hören Sie aber mal auf, klar sind das menschliche, von mir aus auch künstliche Grenzen und Benennungen, aber das ist doch kein Problem, wenigstens keines das wirklich auf den Nägeln brennt. Die UnGleichverteilungen und Nöte der Menschheit sind doch nicht gelöst, nur weil wir die Grenzen auflösen. Dann nennen Wir halt alles WeltStaat oder nur Welt, deshalb bleiben doch die KlimaUnterschiede, die KulturUnterschiede, die InfrastrukturUnterschiede, die BildungsUnterschiede, die WirtschaftsUnterschiede und und und. Die lösen Sie doch nicht, indem sie einfach die gewachsenen Grenzen auslöschen.

A: Wenn Sie mehrere Flüssigkeiten durch Dämme trennen und diese Dämme dann auflösen, was passiert dann?
B: Dann fliessen die Flüssigkeiten ineinander, aber wenn sie das mit Menschen machen, herrscht ruckzuck Chaos und Gewalt. Die ärmeren Menschen werden in die reicheren Länder kommen wollen, und dann wir hier alles den Bach runter gehen, was hier aufgebaut wurde. Nein, das ist nicht hilfreich, wir kommen hier bei menschlichen Problemen nicht mit Physik oder reiner Mathematik weiter. Dazu sind die menschlichen Gegebenheiten und Probleme zu komplex. Wir sind keine verschiedenfarbigen Flüssigkeiten, die man nur ein wenig zu vermischen braucht und schon sind die UnGerechtigkeiten, Unachtsamkeiten und sonstigen Probleme ausgeglichen, das klappt so nicht.

A: Ich fände es schon hilfreich, wenn Wir Alle klar darüber sind, dass diese Grenzen künstlich sind und Wir somit auch die einzigen Grenzen anerkennen, die es wirklich zu achten und zu schützen gilt.
B: Sie meinen die jeweilige Haut?
A: Ja, die jeweils persönliche Haut eines Lebewesens. Sie ist eine wirkliche Grenze, sie ist spürbar und fühlbar und verletzlich. Länder- oder KontinentGrenzen sind es nicht.
B: Sagen Sie.
A: Wieso?

B: Ich denke da erstmal nur an die 60 oder mehr Millionen Toten des letzten Weltkrieges. Der wurde auch oder hauptsächlich um, in Anführungsstrichen, künstliche Grenzen geführt. Also sind auch künstliche Grenzen verletzlich und bluten, wenn Mensch sie einfach so mit Gewalt überschreitet.
A: Ja, Sie liegen richtig, der Unterschied ist eben, das diese künstlichen Grenzen veränderlich sind und zwar jederzeit und ohne Blutvergiessen, während die persönliche Haut weder jedesRaumZeit noch ohne Blutvergiessen veränderlich ist. Die Haut ist eine wirkliche, fassbare Grenze, die Grenzen von Gemeinden, Ländern und Kontinenten sind unfassbar, sie sind mitten in die Landschaft gemalt oder auch an einem Meeressaum, einem Flussrand, einer Sprache entlang gezogen. Jederzeit variabel, jederzeit aufhebbar und oft genug geschehen.
B: Gut und was soll das bringen, dass wir die künstlichen Grenzen abschaffen und nur noch die persönlichen, die fassbaren Grenzen anerkennen?

A: Nähe. Wirkliche ungekünstelte Nähe, Verständnis für die persönliche Verletzlichkeit und Position in der RaumZeit UND die der Anderen, der GleichWertigen darin.
B: Ist das nicht ein bisschen zuviel verlangt, ist das nicht eine ziemliche Überforderung des Einzeln-Es, so allein auf-s ich und das Andere Ich zu achten?
A: Das kommt doch wohl auf einen Versuch an, oder? Ausserdem passiert und geht das sowieso nicht von Heute auf Morgen, das braucht einiges an Vorbereitung, Arbeit und Mit-Arbeit Aller, bis es soweit ist.
B: Und Sie meinen, das braucht's, das ist sogar nötig?
A: Ja, denken Sie an die Frage.
B: Ach, ja, die Frage auf die Antwort.
A: Stellen Sie sie mir?
B: Gerne: Wie gehen Wir Menschen miteinander um?
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BlütenPracht in Berlin-TierGarten
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Ist das Einzelne friedlich? 

st die Entwicklung, die Wir gerade erkennen, also die fortschreitende Individualisierung des DaSein, die Vereinzelung der Lebendigkeit, ein Entwicklung hin zu mehr Vertrauen, Bewusst-heit und Friedlichkeit?

Gruppe-Sein braucht fürchterliche Abgrenzung, braucht Drohung nach Aussen, wie nach Innen (Nestbeschmutzer, Whistleblower, Verräter) und die auch gewalttätige Verteidung oder sogar aggressive Vergrösserung des Gruppe-Sein.


Selbst-Sein ist Einzelheit, nicht verdoppelbar, braucht auch Schutz und Verteidigung, aber nur dann, solange Gruppe-Sein existiert, wenn Alle Selbst Gruppen-Frei sind, Zu-Gehörigkeits-los sind, dann ist das Selbst-Sein friedlich, weil anerkannt und allgemein.
Ist das so?


Ist das Einzelne von Grund auf friedlich und konkurrenzlos glücklich?
Oliver-August Lützenich fühle: Ja.

Montag, 12. August 2013

Nur ein Mensch

Eine AnfangsFrage, ganz allgemein gestellt:

Wie beurteilt ein (kluges?) Mensch, das über Monate dem Tode nahe ist (ohne krank zu sein!), ein-Es, das völlig in Umständen ist, die von -Es Selbst nur im ->Millisekundenbereich pro einem Tag<- selbst zu bestimmen sind, welches also fast vollkommen fremdem / Fremden ausgeliefert ist, also fast komplett abhängig ist von äusseren Bestimmungen, die von anderen Menschen total, mit allerbrutalster Absolutheit, Gewalt und Willkür dominiert werden; Wie beurteilt ein solches Mensch, diese anderen Menschen und mehr noch, das Mensch-Sein?

Ein Beispiel dafür, habe *ich bereits vor Jahren gefunden, und mich nur gewundert, und war völlig beschämt, weil *ich ein-Es (zumindest ein Nachgeboren-Es) dieser allerbrutalsten äusseren Bestimmungen und Umstände bin; war aber auch hoch erfreut, weil das Buch, aus dem die nun folgenden Zeilen sind, auch einen Ausweg aus einer Gegnerschaft / Feindschaft zueinander, aus einer Zwiespältigkeit (Trennung) voneinander, wiesen, ohne dabei die Brutalität und das Entsetzen zu überdecken, das zu den Einsichten geführt hat.

Mehr noch, weil die Erkenntnis des klugen Autors, im / am Selbst erlebt, und zwar in schlimmster Not, auf den Punkt hinweisen, der zur Lösung beiträgt, aber *ich möchte nicht vorgreifen.

Der Autor:
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Robert Antelme, 1917 - 1990
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Ein Auszug aus seinem Bericht:

[...]
Eine Lampe geht an: der Kerl kauert im Lichtbündel der Lampe.
"Scheisse, Scheisse!" brüllt der Kapo.
Der Kapo schlägt zu, der Kerl fällt.
"Scheisserei, Scheisserei!" wimmert der Kerl.
"Was, Scheisserei, Schwein!"
Wenn es plötzlich im Saal hell werden würde, sähe man ein Durcheinander von gestreiften Lumpen, von schrumpeligen Armen, von spitzen Ellbogen, von lilafarbenen Händen, von riesigen Füssen; zur Decke hin geöffnete Münder, mit schwärzlicher Haut bespannte Gesichter, die Augen geschlossen, Totenschädel gleiche Formen,  die sich jedoch nie ähneln werden, leblos und wie auf den Schlamm eines Teiches gelegt. Man würde auch Einzelne dasitzen sehen, ruhige Irre, die in der Nacht ihren Hundekuchen kauen und wieder andere, die vor der Türe stehen und auf der Stelle trippeln, zusammengekrümmt.
*
Das Tal draussen ist dunkel. Kein Geräusch dringt von dort her.
Die Hunde schlafen einen gesunden satten Schlaf. Die Bäume atmen ruhig. Die nächtlichen Insekten suchen auf den Wiesen ihre Nahrung. Die Blätter schwitzen, und die Luft saugt sich mit Wasser voll, die Wiesen bedecken sich mit Tau und werden nachher in der Sonne funkeln. Sie liegen da ganz in der Nähe, man muss sie berühren, diesen riesigen Pelz streicheln können. Was lässt sich streicheln, und wie streichelt man? Was ist sanft unter den Fingern, was ist überhaupt da, um gestreichelt zu werden?
Nie ist man der Gesundheit der Natur gegenüber so aufgeschlossen gewesen. Nie ist man auch so nahe daran gewesen, eins zu werden mit der Allmacht des Baums, der sicherlich auch morgen noch lebendig sein wird. Man hat alles vergessen, was in dieser starken Nacht stirbt und verwest, auch die einsamen und kranken Tiere. Wir haben den Tod von den Dingen der Natur verjagt, weil wir in ihr keinen Geist sehen, der sich gegen die Dinge stellt und sie verfolgt. Wir fühlen uns so, als hätten wir jede mögliche Verwesung aufgesogen. Was in diesem Saal ist, erscheint als die aussergewöhnliche Krankheit, und unser Tod hier als der einzig wirkliche. Den Tieren so ähnlich, ist jedes Tier für uns etwas Grossartiges geworden; jeder verwesenden Pflanze so ähnlich, erscheint uns das Schicksal dieser Pflanze ebenso prachtvoll wie dasjenige, das durch den Tod im Bett zu Ende geht. Wir sind so weit, dass wir allem ähneln, das nur noch kämpft, um zu essen, und stirbt, wenn es nicht isst, wir sind so weit, dass wir auf der gleichen Ebene stehen wie eine andere Gattung, die nie die unsere sein wird und der wir doch entgegenstreben; aber diese Gattung, die wenigstens nach ihrem eigenen authentischen Gesetz lebt - Tiere können nicht tierischer werden -, erscheint ebenso grossartig wie unsere »wirkliche«, deren Gesetz es durchaus sein kann, uns hierher zu bringen. Aber es gibt keine Zweideutigkeit, wir bleiben Menschen, wir werden nur als Menschen enden. Die Entfernung, die uns von einer anderen Gattung trennt, bleibt erhalten, sie ist nicht historisch. Es ist ein SS-Traum zu glauben, unsere historische Mission sei es, zu einer anderen Gattung zu werden, und da diese Verwandlung zu langsam stattfindet, töten sie. Nein, diese aussergewöhnliche Krankheit ist nichts anderes als ein Höhepunkt in der Geschichte der Menschen. Und das kann zweierlei bedeuten: zunächst einmal, dass wir die Beständigkeit dieser Gattung unter Beweis stellen, ihre Unveränderlichkeit. Und dann, dass die Vielfalt der Beziehungen zwischen den Menschen, ihre Hautfarbe, ihre Sitten und Gebräuche, ihre Aufteilung in Klassen, eine Wahrheit verdecken, die hier am Rande der Natur, wo wir an unsere Grenzen gekommen sind, ganz deutlich zutage tritt: es gibt nicht mehrere menschliche Gattungen, es gibt nur eine Gattung Mensch. Und weil wir Menschen sind wie sie, wird die SS letztlich nichts gegen uns ausrichten können. Und weil sie versucht haben, die Einheit dieser Gattung in Frage zu stellen, werden sie am Ende vernichtet werden. Aber ihr Verhalten und unsere Lage sind nur die Überzeichnung, die auf die Spitze getriebene Karikatur - in der sich sicherlich niemand wiedererkennen will noch kann - von Verhaltensweise, von Situationen, die es in der Welt gibt und die sogar jene alte »wirkliche Welt« sind, von der wir träumen. Tatsächlich verhält sie sich so, als gäbe es mehrere Gattungen - oder genauer, als ob die Zugehörigkeit zur Gattung Mensch nicht sicher sei, als könne man da ein- und ausgehen, nur halb dazugehören oder ganz dazugehören oder nicht einmal im Verlaufe von Generationen dazugehören - die Aufteilung in Rassen oder in Klassen gehört zu Richtschnur und erhält das immer bereite Axiom, die letzte Verteidigungslinie:
»Das sind keine Leute wie wir.«
Hier nun ist das Tier ein Luxusgeschöpf, der Baum ist eine Gottheit, und wir können weder Tier noch Baum werden. Wir können es nicht, und die SS kann uns nicht dazu bringen. Und ausgerechnet in dem Augenblick, in dem die Maske ihren hässlichsten Ausdruck angenommen hat, in dem Augenblick, in dem sie unser Gesicht werden wird, fällt sie. Und wenn wir dann das denken, was hier sicherlich das Beachtlichste ist, was man denken kann: »Die SS-Leute sind Menschen wie wir«; wenn wir zwischen den SS-Leuten und uns - das heisst im Augenblick der grössten Distanz zwischen den Menschen, im Augenblick, in dem die Grenzen der Unterwerfung der einen und die Grenzen der Macht der anderen in einer übernatürlichen Beziehung erstarrt zu sein scheinen - im Angesicht der Natur und im Angesicht des Todes keinen wesentlichen Unterschied sehen können, müssen wir sagen, dass es nur eine menschliche Gattung gibt. Dass alles, was diese Einheit in der Welt verstellt, alles das, was die Menschen in die Situation von Ausgebeuteten, von Unterjochten bringt und gerade dadurch das Vorhandensein verschiedener Gattungen implizieren würde, falsch und wahnsinnig ist; und dass wir hier den Beweis dafür haben, und zwar den unwiderlegbarsten Beweis, denn selbst das ärmste Opfer kann nichts anderes tun als festzustellen, dass die Macht des Henkers selbst bei seinem schlimmsten Tun immer nur die eines Menschen sein kann: die Mordmacht. Er kann zwar einen Menschen töten, aber er kann ihn nicht in etwas anderes verwandeln.
*
Als ich die Augen aufgemacht habe, war es heller Tag; der Himmel war milchig, bleich. Ich hatte einen trockenen Mund und war durstig. Um mich herum schliefen die Kameraden, in Haufen dicht aneinander gedrängt, die leeren Hundekuchensäcke neben sich. Man hörte kein Geräusch. Der SS-Wachposten stand noch immer vor der Tür.
[...]

Ende Auszug
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Robert Antelme
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Aus diesem Buch ist der Auszug
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Die Zwiespältigkeit ein Mensch zu sein
und
Die Vielfältigkeit Mensch zu sein.