Donnerstag, 14. Juni 2012

Die Richtung der Poesie, mit Rimbaud

Worum geht es in der Dichtung? Um die Wahrung der Bewährung, um die Behaltung der Form, um die Veränderung des Wandels. Oder geht es nur um Zeitvertreib?
Das entscheiden Sie.

Dazu ein theatralischer Monolog, den *ich bereits im Januar, im Winter, in der Düsterkeit, mit schwerem Magen geschrieben habe, den *ich aber, trotz der Sommersonne, immer noch aktuell finde und den *ich, trotz der hoffnungsfrohen Stimmung und vieler neuer Erkenntnisse, noch einmal, mit leichtesten Veränderungen, vor Sie hinstellen möchte.

Mit einer wundervollen Einleitung, die besser ist, als mein Text danach, aber diese "Demütigung" sind mir die Worte von Durs Grünbein wert, sie geben wieder, um was es, für Durs Grünbein und auch *mich, beim Schreiben, bei dem inneren und dann auch äusseren Fluss der Sprache und deren Tropfen, der Worte, AUCH geht:

Um die Selbst-Unabhängigkeit {-Freiheit} in der Geborgenheit des Mit-Einander im DaSein.
Also um die Erweiterung hin, zur weitestmöglichen Freiheit eines Jedes Selbst - MIT / in der ZusammenArbeit in der Gemeinschaft des DaSein -, somit der ZuNahme der Verantwortung des EinzelnEs für das Gesamte: das bedeutet auch die Abnahme von Vorgaben, Fremdbestimmung und Zwang durch die Natur, in Form von Prägung (Evolution) und Beharrlichkeit (Gene); und dadurch auch die Abnahme, die Dämpfung von Gesellschafts- und GruppenDruck.

Es geht darum, das Mit-Einander zu stärken, also das soziale Zusammen-daSein mit all den anderen LebeWesen zu achten und für ein friedliches und förderliches Auskommen darin mit-zu-sorgen (Ist das Verantwortung?), OHNE Jedes Selbst darin in der Entwicklung und gewünschten Ausprägung zu behindern.

Die Grundlage der Freiheit des Selbst ist ein wechselseitig aufmerksames und verlässliches Miteinander.
So fühle ich das.

Ich vermute Durs Grünbein spürt das ähnlich, hier also seine Worte, die ich einem Text entnommem habe, den Er in der FAZ veröffentlicht hat und den ich vollständig, unter dem Titel: "Dank an Durs Grünbein", hier in den Verantworten-Blog eingestellt habe: 
Hier ein Auszug daraus:

»Was ihre Gegenstände betrifft, so sind sie tatsächlich uralt und bei allem Variantenreichtum beinah stereotyp, wie es scheint. Es sind die Liebe, das Begehren, das Rätsel der Zeit, die Schocks der Erkenntnis, die einer am eigenen Leib macht - und der immer wiederkehrende Glücksmoment, sich als Teil des Universums lebendig zu fühlen. Dies drängt im Gedicht zur Sprache, koste es, was es wolle. Aber es ist das spezifische Erlebnis eines Einzelnen, das hier für Abwechslung sorgt und die Dinge von Zeit zu Zeit neu erstrahlen lässt - so noch nie zuvor angeschaut.

Heute kann ich hinzufügen: Der Dichter ist wirklich das Wesen, das seinem Leitstern folgen muss, seinem daimon, wie es in der Sprache des Sokrates hieß. Dass es ein Philosoph war, der mit dem Ausdruck auf der Rolle des Individuums beharrte, sagt uns, wie eng das Erwachen der Persönlichkeit im frühen Griechenland mit dem Erwachen des Geistes einherging. Niemand sollte sich von der später so bequemen Trennung in Dichten und Denken irremachen lassen. Besser, man geht von einer Arbeitsteilung aus, die am Ende allen zugute kommt. Der Dichter muss seiner eigenen Traumwirklichkeit folgen, nicht selten auch seiner abgründigen Psyche, wie es alle die Zerrissenen taten, die sich ins goldene Buch der Menschheit eintrugen - hier hat jeder seinen Favoriten parat. Der Dichter ist einer, der lernen musste, allein zu sein, nonkonform, keinem verpflichtet - keiner äußeren Macht, keinem höheren (religiösen oder philosophischen) Prinzip, nicht einmal einer vorherrschenden literarischen Strömung. Er wird aber, bei aller sozialen Kontaktfreudigkeit, auch dann noch der Einsiedler inmitten der Gesellschaft sein, wenn alle Religionen, alle demokratischen Ideale zu kollektiver Routine verkommen sind.
Die Unabhängigkeitserklärung der Poesie.«
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Ein Gedicht.
Abendhimmel über B- Kreuzberg
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Hier nun mein NeuronenGewitter, das im Winter über den Hals, die Schultern, die Arme, in die Hände geflossen, oder auch geschossen ist, so schnell, und zuerst auf Papier und dann Hier gelandet ist:

Die Worte fliessen und schwingen und ergeben folgendes:
Das Mensch strebt nach Vollkommenheit, mit dem Mute der Verzweiflung, obwohl -Es ahnt, dass, wenn die Vollkommenheit erreicht ist, es vorbei ist. Mit dem Streben, mit dem Mut und auch mit der Verzweiflung. Als auch mit der FREUDE, dem LEID, dem Beben und der Ereifferung.

Und das Mensch strebt nicht, weil -Es will, sondern, weil -Es muss. 
Es ist in die Spur gestellt oder auch gelegt worden, und findet aus dieser Spur bis Heute nicht hinaus. Es folgt. Es muss, weil -Es so gebaut ist. Es ist aus Bio gebaut und folgt der Biologie.
Biologismus.

Der Kapitalismus ist eine der vielen Spielarten, des Biologismus. Und der Biologismus ist eine Spielart, des DaSeins. Biologie muss leben. Lebendigkeit muss streben. Immer schön in der Spur bleiben.
Folgen Sie der, für Sie, vorgesehenen Route. Wenn Sie die Spur verlassen wollen, müssen Sie bezahlen. Aber erst einmal, müssen Sie wollen.
Müssen Sie wollen können. Sonst bleiben Sie automatisch in der Spur, denn, ohne zu wollen, gibt es kein ausser der Spur sein.
Nur DaSein, aber das ist schon Viel.
Verstehen Sie das?

Die Biologie besteht aus ? und Regeln; diese Substanz und die Regeln, mit denen sie zusammengesetzt ist und die den Rahmen der Bewegungen einhegt, macht(!) Lebendigkeit möglich und gibt eine EntwicklungsRichtung vor. Voran immer nur voran, weiter immer weiter, in der Spur.
Aber da ist etwas passiert, schon ganz am Beginn, etwas wundervolles: eine Rückkopplung.
<-Rück-Kopplung<-

Das Weiter immer Weiter, hängt am Haken mit einem sehr sehr sehr langen Seil. Nur ein Bild, aber so in Etwa ist das DaSein eingebunden. Und das Voran, immer schön Voran, ist eingebettet in ebenfalls etwas wunderbares: in Geborgenheit. Nur so ein Gefühl, aber so in Etwa ist die Lebendigkeit eingelegt, in weiche, warme Tücher (siehe dazu auch meine Bemerkungen in diesem: http://sprechlichtung.blogspot.de/2012/06/kuhkomfort-und-die-folgen.html. Beitrag)

Da ruft ein-Es (ein Mensch) aus der zweiten Reihe: "He, was kümmerts das DaSein, wenn die Lebendigkeit verreckt! Was kümmerts mich also, was das DaSein macht(!)!" Die zweite Reihe senkt die Stimme und sagt noch: "Aber gut, machen Sie nur weiter mit diesen Gedanken, vielleicht hilfts ja was." Wenn ein-Es stirbt, ist das DaSein ungerührt, ja; wenn das DaSein stirbt, sind Wir, die Lebendigkeit, berührt. Was machen Wir aus der Tatsache, dass Wir in der Welle sind, dass Wir die Welle sind, aber die Welle das Einzelne nicht kümmert? Wir reiten auf oder in der Welle, aber die Welle bricht, wenn Wir unaufmerksam sind und bleiben, völlig ungerührt über Uns herein und herüber, und begräbt Uns zu Tode und rollt mit Uns aufgeschäumten Ehemaligen platschend an den Strand und Wir enden zwischen dem Sand platzend oder zerstäuben an nacktem Fels. "Genug der Bilder!", ruft ein-Es aus der dritten Reihe und fordert: "Klarheit!"

So laut! Als sei es so einfach Milliarden Jahre und Billionen mal Billionen mal Billionen Ereignisse einfach so vorzustellen, vor Uns. So VIEL! So ungeheuer Viel! Ohne die warmen, weichen Tücher zu verlassen und die Absicherung zu kappen. Ich sehe doch nichts, mit alle der Verpackung rundherum, und mit dem starren Blick zurück! Ich? Wer ist dieses Ich? Was ist dieses Ich?
Ich. 

Da greift die Antwort das Einzelne an und fordert -Es auf zu präzisieren. Präsent zu sein. Aus dem Wir auszusteigen, vor das Ich zu gehen. Los, sagt das DaSein, gehen Sie weiter, als nur Ich zu sein, vielleicht können Sie dann auf der Welle reiten und abspringen, bevor sie am Strand zerschellt. "Das DaSein als Welle!", ruft ein-Es von Hinten und von Vorne kommt der Ruf: "Das DaSein ist eine Riesen-Welle!". Von Hinten folgt der Schrei: "Aber da ist mehr! Da muss mehr Sein, als eine Welle. Worin wellt sie, die Welle und worauf wellt sie zu, die Welle?
Los geben Sie eine Antwort!

Dann bin Ich vielleicht bereit, vor das Ich zu treten, und Selbst zu sein.". Von Vorne haucht eine Stimme: "Ja, da ist Mehr. Mehr als Wir, mehr als das Lebendigkeit-Sein und grösser, als das DaSein.".
"Phantasie!", ruft ein-Es aus der Mitte und geht nach weiter Hinten: "Alles blosse Phantasie! Und wer zahlt meine Steuern!? Na los, sagen Sie schon! Ich muss schliesslich meine Kinder auf die Schule schicken und das kostet nicht wenig! Ja, Ich!"
Solange Wir das Ich nicht vom Selbst lösen, bleibt es beim ich und so, wie es ist.
Ist Ihnen gut, ist Ihnen gut, so wie Es ist? Ja. Dann ist es ja gut, aber spüren Sie mal ein wenig über-s ich hinaus, ist Ihnen dann immer noch gut?
Aufmerksamkeit lohnt, ist aber fordernd, fordert Veränderung und Was will das schon?
Ich.
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Das folgende Gedicht ist eine völlig unpassende NachStimmung auf den obigen Beitrag, weil es wieder meine Worte klein macht, trotzdem und egal, aber zuerst ein Foto des Dichters:
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Arthur Rimbaud
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Titel: GENIUS
Er ist die Güte und Gegenwart, weil er das Haus der schäumenden Woge des Winters geöffnet, der summenden, schäumenden Woge des Sommers, und gekältert den Wein und gebacken das Brot - er, der die Anmut entfliehender Gegenden ist und der übermenschliche Reiz einer Rast.
Er ist Güte und Zukunft, Liebe und Kraft, und wir, aufrecht im Schmerz und im Zorn, wir sehen ihn am Sturmhimmel fliegen und im flammenden Fahnenwald der Ekstase.
Er ist die Liebe, das wieder gefundene, vollkommene Mass, die unerwartet entdeckte, wunderbare Vernunft, ist ewige Dauer: das geliebte Vermögen jeder schicksalhaften Substanz. Wir alle stockten, erschrocken vor dem, was ihm und uns zuerkannt war:
O Wonnen der Gesundung, das Feuer unserer Gaben, die Selbstsucht der Liebe und die Leidenschaft - für ihn, der uns liebt sein ganzes unendliches Leben ...
Und wir rufen ihn wieder zurück, und er auf Wolken und Wegem ... Und weit tönt seine Verheissung, wo die Gebete endlich verhallen: »Werft diesen Aberglauben ab, diese uralten Leiber, das Leben in dieser Gemeinschaft: denn das ist die Zeit, die untergeht!«.
Arthur Rimbaud, 1895, aus den "Poésies complètes".

Wundervoll, und den damaligen RaumZeit-Bedingungen weit voraus, sogar Heute noch. Ich habe hier auch eines seiner Poeme zur Sprache eingestellt: Aufregend, Phantastisch! Ein Mensch von Heute, der viel zu früh gestorben ist, vielleicht auch, weil Er in diese RaumZeit nicht passte, in die Er hineingezeugt, hineingestelt wurde? Dickes Fragezeichen, weil ich nicht weiss, ob diese "ZuFrüh-Geborenen" nicht vielleicht wichtige Keime sind, die eine Entwicklung einleiten, sie vielleicht erst auslösen und lenken. Arthur Rimbaud, mir ganz wichtig, ein Leitstern.
Danke!

Dienstag, 12. Juni 2012

Das Universum in ein-Es

Der F.A.S.-Text von Jochen Buchsteiner, den *ich im folgenden einstelle und vor Sie hinstelle, passt gut zu meinem Beitrag "Von der Wahrnehmung der Wirklichkeit", es ist, wie stets in mir, das Bemühen, Nein, mehr als das, es ist die Arbeit, das persönliche kleine Umfeld auszuweiten, es ist die Arbeit, das Universum in ein-Es zu holen.

Das mag überspannt klingen, aber je mehr *ich von den phantastischen Fähigkeiten erfahre, die in Jedes Mensch, also auch in Oliver-August Lützenmir sind, für umso weniger überspannt kann *ich dieses Begehren halten.

Jedes menschliche Gehirn ist mindestens EinhundertMilliarden-Neuronen (Nervenzellen), die - JEDES Neuron - bis zu 16.000 Synapsen ausbilden könnten, also Verbindungen mit Nachbar-Neuronen eingehen können!
Sind Sie mathematisch geschult, können Sie HochRechnen wie VIELE Verbindungs-Möglichkeiten, also verschiedene Zustände, Strukturen, Einzel- und GruppenEreignisse innerhalb dieses einen menschlichen Systems damit speicherbar und unterscheidbar sind?

Vor allem, wenn Sie hinzurechnen, dass jedem Neuron auch noch mindestens 10 verschiedene EigenZustände (Aktions- / Reaktions-Potentiale) zur Unterscheidung zur Verfügung stehen. Jedes Mensch, jedes LebeWesen, mit einer ähnlichen Anzahl an Neuronen, kann Billionen mal Billionen Einzelereignisse, von einer einzelnen Zahl, bis zu sehr komplexen sozialen GemengeLagen, also z.B. einer GeburtstagsFeier, dem ersten Geschlechts-Verkehr, oder auch einer alltäglichen Strassen-Situation behalten. Rein theoretisch - von dem was an Verbindungen und deren Einordnung in ein RaumZeit-System möglich ist -, ist das FAST unendlich viel.

Warum gelingt das noch nicht, oder bisher nur sehr wenigen und das nur mit sehr viel Übung, oder als Folge einer "Anomalie"? Das ist die Frage, die Neurologen weltweit beschäftigt, wenn sie geklärt ist, erfahren Sie auch hier davon;-)

Aber zurück zu der Ausweitung des persönlichen kleinen Umfelds und der Einbettung eines Einzelmenschen, irgendwo in der erdmondlichen Gemeinschaft, in das Gesamtgeschehen dieser kleinsten Welt und darin insbesondere des menschlichen Geschehens.

So oft es geht, arbeite *ich daran den quasi kleinstädtischen Kreuzberger Mief abzustreifen und einen ausgedehnteren Ein- und vielleicht Überblick zu gewinnen; was so läuft, was so abgeht im Hier und Jetzt und worauf das Alles so hinausläuft, Sie, die Leses dieser Blogs, wissen das.
Hier geht es ums Ganze, zugegeben: von *mir aus.

Deshalb stelle *ich auch diesen nun folgenden gut geschriebenen Artikel hier ein, um das Umfeld mal wieder etwas auszuweiten und das darin enthaltene nicht ganz verschwinden zu lassen. Bis Wir, bis Oliver-August Lützenich, bereit sind, Uns all das zu merken und auch wieder abzurufen, was Wir möchten und brauchen, und zwar wann Wir möchten und es gebrauchen können. Auch die schmerzhaften Ereignisse, aber nur, um sie zu vermeiden. Nicht, um sie zu vergessen, zu verdrängen und somit immer wieder zu wiederholen.
Aber gut, das ist mein Spleen.

Vor dem Text noch ein DaZwischen der farbigen Kunst und der inneren Ausweitung.
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Mark Rothko, "White Stripe"
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Aus der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, vom 10.06. 2012, geschrieben von Jochen Buchsteiner:

Überschrift: Rückkehr an den Rand
Untertitel: Wächst die Welt wirklich zusammen? Asien und Europa sind immer noch Paralleluniversen. Die vergangenen zehn Jahre markieren nicht nur den Aufstieg Asiens, sondern auch den Abstieg Europas.

«Als vor zehn Jahren der Umzug nach Asien näherrückte, reiste ich nach Delhi, um mich von meinem Vorgänger einweisen zu lassen. Ob ich etwas aus der Heimat mitbringen solle, hatte ich gefragt und zur Antwort erhalten: italienische Salami und deutsches Graubrot. Mit diesen beiden Preziosen in der Hand klingelte ich an der Tür im Diplomatenviertel Chanakyapuri, es war ein brütend heißer Tag. Ein Inder öffnete, der weder nach Butler aussah noch nach Koch oder Fahrer, aber alle drei Funktionen in sich vereinte. Er führte vorbei an einer Reihe von Reitstiefeln ins Schlafzimmer des Hausherrn. Es war der einzige Raum, in dem die Klimaanlage funktionierte. So verbrachte ich den ersten Abend in meinem neuen Berichtsgebiet auf einer Bettkante und teilte unter kühlem Gebläse eine italienische Wurst.

Am nächsten Tag wurde ich einem Bekannten vorgestellt, dem „Defence Correspondent“ der bengalischen Tageszeitung „The Statesman“. Wir trafen uns an der Bar des Oberoi und saßen bei einem Whisky in grau gewordenen Clubstühlen. Weil in diesen Tagen Indien und Pakistan wieder knapp einem Krieg entgangen waren, drehte sich das Gespäch um die Anzahl der in beiden Ländern lagernden Atomsprengköpfe, und ich versuchte, ein informiertes Gesicht aufzusetzen. Ich bekam eine Ahnung von meinem neuen Leben: Es hatte mit Dienern und Notrationen zu tun, mit einem extremen Klima und einem drohenden Nuklearkrieg in der Nachbarschaft.

Hunger, Korruption und autoritäre Herrschaft

Immerhin war es anders als das alte Leben. Zu Hause wohnte man in wohltemperierten Altbauwohnungen, philosophierte über Deutschlands wiederentdeckte Bürgerlichkeit und wartete, ob Kanzler Schröder in seiner zweiten Legislaturperiode so etwas wie einen politischen Einfall haben würde. Der 9/11-Schock hatte etwas nachgelassen, der dot.com-Crash war halb verdaut, Europa ging es nicht blendend, aber von elementaren Zweifeln, gar einer Sinnkrise war zu Hause nichts zu spüren.

Asien im Sommer 2002 war aus deutscher Sicht ein undefinierter Kontinent, mit wenig Glanz, ein paar vereinzelten Erfolgsgeschichten und vielen Berichten über Hunger, Korruption und autoritäre Herrschaft. Einige im Westen raunten, dass sich inmitten dieses Chaos das wirtschaftliche und politische Zentrum des 21. Jahrhunderts herausbilden würde, aber verbreitet war die Sichtweise noch nicht. „Ewig werden die Asiaten ihre Plastikschraubenzieher auch nicht verkaufen können“, war einer der Sätze, mit denen ein Korrespondent in diesen Jahren in die Ferne verabschiedet wurde.

Zumindest von Delhi aus betrachtet schienen die Skeptiker recht zu haben. Zukunft war anderswo. Leprakranke krochen auf den Straßen und klopften an die Autotür. Die Nahrungsaufnahme, selbst in großen Hotels, glich russischem Roulette: Früher oder später war der Magen verdorben, ein Zustand, für den das Wort „Delhi-Belly“ im Umlauf war. An Staub, Dreck und Schmiere musste man sich gewöhnen. „India Shining“ (Indien strahlt) hieß bald der Wahlslogan der regierenden Hindunationalisten. Sie verloren die Wahlen krachend.

Indien verstörte mit Rückständigkeit und Elend. Aber es schärfte auch den Blick für archaische Kontinuitäten, die zu Hause verdrängt wurden: für die Überlebenskraft des Rohen, für die anhaltende Nähe von Gewalt, von Krieg. Zu beobachten war ein ungestümer Nationalismus, eine als Notwendigkeit getarnte Lust am Kräftemessen, mit Pakistan, mit China. Der mentale Kosmos Europas, sein Glauben an das friedliche, auf Recht und Ratio gründende Zusammenleben der Menschen, schien in diesem Teil der Welt unendlich weit weg. Es war der deutlich größere Teil der Welt.

Die meisten Länder der Region litten damals auf die eine oder andere Weise unter Unruhen, Unterdrückung oder nackter Gewalt: Sri Lanka mit seinem Bürgerkrieg, Nepal mit seinen Maoisten, Burma und Nordkorea mit seinen Diktatoren, Bangladesch, Indonesien, Südthailand und die Philippinen mit ihren islamischen Extremisten; von Pakistan und Afghanistan nicht zu reden. Doch das war nur das eine Gesicht Asiens.

Das andere Gesicht zeigte sich im Alltag. Die Phasen der Stromausfälle verkürzten sich, die Geldautomaten vermehrten sich in beachtlichem Tempo, überall in Delhi wurden U-Bahn-Tunnel gegraben. Bedienstete begannen, ihre Kinder auf Universitäten zu schicken. In Südostasien setzte sich manche Neuerung schneller durch als in Europa, erste Regierungssprecher kommunizierten über Facebook. In den Metropolen, selbst in Urlaubsorten, war die drahtlose Internetverbindung Standard, als in Deutschland noch gefragt wurde: W-Lan?

Unbeschwert bergauf ging es nicht

Das zukunftsfrohe Gesicht Asiens verbarg sich auch hinter technokratischen Formeln, hinter der „FTA“-Bewegung, die die Region über Freihandelsabkommen immer enger zusammenschließt, oder hinter dem „Asean-plus-Dialog“, der die politische Integration vorantreibt. Und es versteckte sich hinter Umfragen und Statistiken: Chinas Schulen bilden laut Pisa-Studie die besten Schüler der Welt aus - nicht nur im Pauken, sondern auch im selbständigen Denken. Indonesiens Volkswirtschaft überholte unlängst die australische, und Indien wird demnächst Amerika als größte Facebook-Nation ablösen (Nummer drei ist Indonesien). In Indonesien und Indien leben laut einer internationalen Umfrage die glücklichsten Menschen der Welt.

Unbeschwert bergauf ging es für Asien nicht. Fast überall mussten die Gesellschaften Rückschläge verkraften und Umwege gehen. Das extremistische Geschwür in Afghanistan wird mit dem Abzug der internationalen Truppe kaum abheilen. Nordkorea scheint auch mit seinem Generationswechsel an der Spitze nicht in die aufgeklärte Moderne vorzustoßen; es bleibt eine Bedrohung für die Nachbarschaft.

Sri Lanka ist die tamilischen Tiger los, entfernt sich aber immer weiter von der Demokratie. China, der wirtschaftliche Leuchtturm der Region, lernt gerade zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren, mit geringerem Wachstum zu leben. Und Indien, das trotz aller Verwerfungen erfolgreiche Jahre hatte - gekrönt von der Aufnahme in den Atomwaffenclub -, wird von alten Krankheiten heimgesucht, vor allem von der Korruption.

Von ihrem Kurs konnte dies die Region nicht abbringen. Die großen Länder Asiens - von Pakistan abgesehen - haben in den vergangenen zehn Jahren nicht nur wirtschaftlich, sondern politisch an Statur gewonnen. Institutioneller Ausdruck ist die G20, die heute im nichtwestlichen Teil der Welt (nicht zuletzt wegen der Mitgliedschaft Indiens und Indonesiens) über mehr Autorität verfügt als die G8 und selbst der UN-Sicherheitsrat. In den zentralen globalen Fragen wie der Handelspolitik, der Abrüstung oder dem Klimaschutz ist kein Ergebnis mehr ohne oder gar gegen Asien möglich.

Über alle regionalen Spannungen hinweg konturierte sich dabei so etwas wie ein asiatisches Selbstvertrauen, begleitet von wachsenden Zweifeln an einer immer noch vom Westen dominierten Welt. Nachspüren lässt sich dem in einer Zeitung wie dem „Jakarta Globe“, der nach dem jüngsten G-8-Gipfel in Camp David in großen Lettern auf der ersten Seite fragte: „Warum entscheidet die G8 für die Welt?“ Die Titelgeschichte wurde mit den Worten angekündigt: „Der schwindende Einfluss eines ehemaligen Elite-Clubs“.

Europäische Journalisten und Diplomaten in Asien geraten früher oder später in einen schizophrenen Zustand: Für sie addieren sich die Widersprüche der Region zu einer kraftvollen Transformation, die den zukünftigen Mittelpunkt der Welt erahnen lässt. Sie berichteten über die steil ansteigende Besuchstätigkeit in Asien, lesen die (meist amerikanischen) Bücher und Fachartikel, die ins „Pazifische Jahrhundert“ blicken, und fragen sich: Warum findet diese weltpolitische Evolution zu Hause kein angemessenes Echo? Verweigern sich die in der Heimat der Realität, oder sind wir Ortsansässigen betriebsblind geworden? Wem sind die Maßstäbe abhandengekommen?

„Die wahre Realität“

Die Verwirrung nimmt zu, wenn Reisen nach Deutschland anstehen. Der Kurzzeit-Heimkehrer taucht dann wieder in das immer noch vertraute Paralleluniversum Europa ein. Anders als in Amerika oder Kanada, Australien oder Großbritannien begegnet man in Deutschland kaum Asiaten, und schon nach einigen Tagen kann man die immer ferner werdende Welt nicht mehr verstehen.

Wer an einem lauen Maitag auf dem Berliner Gendarmenmarkt Spargel isst und sich dabei von Freunden die letzte Inszenierung am Deutschen Theater beschreiben lässt, fragt sich bald: Was interessieren mich die Asiaten? Sollen sie doch in ihren verstopften Straßen, ihren grauen Häusern, in ihren kulturlosen Megastädten die Übernahme der Welt vorbereiten. Für uns Deutsche werden die Sieben-Uhr-Nachrichten auch weiterhin von den Mainzelmännchen eingeleitet. {Für Oliver-August Lützenmich die Acht-Uhr Nachrichten mit der WetterVorhersage}

Es ist diese Macht der Geographie, die auch die reisenden Politiker erfasst. Gelandet in der Fremde, lassen sie sich rasch anstecken von der Energie der Region und relativieren die deutschen Wichtigkeiten, um schon auf dem Heimflug in die vertrauten mentalen Umlaufbahnen zurückzufinden. „Ich weiß, dass dies hier die wahre Realität ist“, verriet einmal ein deutscher Minister auf Besuch im pazifischen Asien. „Aber ich kann das den deutschen Wählern nicht vermitteln.“

Es dauerte Jahrzehnte, bis Europa begreifen konnte, dass der neue Weltmittelpunkt in den Vereinigten Staaten liegt. Zwei Demonstrationen militärischer Stärke waren dafür notwendig, begleitet von wachsender Warenpräsenz, wissenschaftlichen Errungenschaften und kultureller Hegemonie. Die Deutschen betrachten heute die Kurse an der Frankfurter Börse und denken die Wall Street selbstverständlich mit. Sie sehen einen deutschen Film und fragen sich, ob er auch in Hollywood funktioniert hätte. Sie reisen zum ersten Mal nach New York und haben das Gefühl, die Stadt schon lange zu kennen. Erst die Allgegenwart der Bilder hat die Macht der Geographie besiegt.

Bis Asien dorthin gelangt, wird Zeit vergehen. Es ist noch arm an Bildern, die Überlegenheit ausstrahlen. Pekings moderne Prachtbauten wirken epigonal, die neuen Flughäfen der Region wie pure Prestigeprojekte. Asiatische Modedesigner und Filmemacher, Künstler oder Sportler sind Randfiguren auf der internationalen - immer noch westlichen - Bühne geblieben. Produkte aus China, Japan und Korea haben bei aller Omnipräsenz etwas Gesichtsloses behalten. Es fehlt an Reizen, vielleicht auch an einem Versprechen. Und doch wäre es klug, sich auf das Neue einzustellen.

Die Wirtschaft tut es ja schon. Sie weiß, dass der europäische Anteil an der Weltproduktion so unwiederbringlich schrumpft wie der am Weltkonsum. Für die ersten deutschen Autobauer ist China zum größten Absatzmarkt geworden. Auch Unternehmer aus dem Mittelstand reisen in immer kürzerer Frequenz in den Fernen Osten, weil die Kaufkraft dort steigt und günstige Produktionsbedingungen winken. Geschäftsleute sehen manchmal klarer, weil sie keine Bilder brauchen. Sie leben in Zahlen, und die geben eine eindeutige Richtung vor.

Die Europäer scheinen es nicht nötig zu haben

Die vergangenen zehn Jahre markieren nicht nur den Aufstieg Asiens, sondern auch den Abstieg Europas. Die Bemühungen um die Rettung der gemeinsamen Währung, vielleicht der EU als Ganzes, drohen den europäischen Blick jetzt noch tiefer nach innen zu lenken. Die Bewältigung der europäischen Krise ist auch im Interesse Asiens (und Amerikas) und damit von weltpolitischer Bedeutung, aber sie ersetzt keine Weltpolitik. Zwischen Delhi und Jakarta wundert man sich über die Nabelschau der Europäer und das lustlose Asien-Engagement der Politik. Das anfängliche Unverständnis ist mittlerweile Achselzucken gewichen: Die Europäer scheinen es nicht nötig zu haben, in der Welt von morgen ihre Marken zu setzen.

Manchmal denke ich an meinen Aufenthalt in Neuseeland. Ich war geographisch viel weiter weg als in Indien, und doch fühlte ich mich Deutschland näher. Dann begegnete ich einem Berliner Diplomaten. Wegen der Zeitverschiebung, berichtete er mit einem Anflug von Resignation, habe er in den Jahren seiner Entsendung kein einziges Mal mit dem Auswärtigen Amt telefoniert. Kurz darauf traf ich einen neuseeländischen Diplomaten. Begeistert sprach er von den großen Chancen, die in seiner Nachbarschaft lägen - und meinte vor allem China. Ich schlug nach: Von Wellington nach Schanghai fliegt man sechzehn Stunden - von Frankfurt nach Schanghai sind es elf. Eines Tages werden wir alle Neuseeländer sein.

Der Autor, fast zehn Jahre lang Asien-Korrespondent der F.A.Z., wechselt in diesen Tagen nach London. {Das ist eine Belohnung!} Bei Rowohlt veröffentlichte er „Die Stunde der Asiaten“.»

Ende F.A.S.-Text von Jochen Buchsteiner
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Zum Abschluss möchte *ich Sie
auch an folgendes erinnern:
Von David Shrigley