Donnerstag, 2. August 2012

Da Wir ein ich sind

Da mir das persönliche Selbst unbekannt war, und Sie mich nicht kennen, und Wir Uns nicht kennen, und *ich Sie nicht kennen, was kennen Wir denn überhaupt?
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Ein Symbol?
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Diese Fragen und Unsicherheiten und Verzagtheiten nagten an einem so kleinen Verstand wie mir, also fragte *ich in einer Bibliothek nach Rat für diese Leere in einem kleinen Lebewesen, und *ich hatte Glück, *ich hatte Riesenglück, *ich traf per Zufall oder Nicht auf ein Gedicht, nein, auf eine Bibliothekarin, eine wie ein Gedicht, nicht so sehr von Aussen, nicht so auf den ersten Blick aber auf den Zweiten, eine wahre Freude in der Ansicht, in der Einsicht und auch in den Aussichten, die Sie mir bot, ja das war Sie, Sie drückte mir zwei Bücher in die Hand und meinte nur trocken, danach sind Sie wieder etwas sicherer, denn *ich erzählte Ihr, dass *ich schon mal sicherer war, aber nun da *ich dachte, plötzlich nichts mehr sicher war, es war so schlimm, dass *ich neben all der hausgemachten Verzweiflung auch noch die Welt-Verzweiflung mir anmasste und das war doch für ein vereinzeltes DaSein zu viel.

Sie nickte wissend mit dem Kopf und schaute etwas an mir herab und herauf und an den Regalen herab und herauf und ging hin und her und griff dann bejahend und nickend in die Regale und holte zwei Bücher heraus und meinte obiges und *ich schaute die Bücher an und war platt, war sprachlos, musste mich setzen und hätte fast geweint, ist ja schon gut, *ich verrate Ihnen was Sie aus den Regalen für mich ausgesucht hatte, aber behalten Sie es bitte für-s ich, ach obwohl, Sie können es inzwischen auch weitererzählen, weiss ja eh schon fast jed-Es, das mich einigermassen kennt, also halten Sie-s ich fest, das erste Buch war »Es ist so einfach« von Richard P. Feynman.

Woher hätte *ich denn das wissen sollen, dass es so ist?
Hat mir doch vorher Kein-Es gesagt.

Und das zweite Buch war »Was ist Leben?« von Erwin Schrödinger.
Eine Blamage, dass *ich das nicht schon vorher wusste und erst so spät im esLeben in die Hände gelegt bekam, von einer Bibliothekarin, wie ein Gedicht, aber besser später als gar nicht, haben Sie das jetzt auf Gedicht gereimt, oder war das Gedicht schon zu weit wegg, na, wie dem auch sei, was für eine Aufregung mit den beiden Büchern in der Hand zur Strassenbahn gerannt und im Stehen schon angelesen, nachholen was nachzuholen ist, reinholen was fehlt, um das Schwanken der Gefühle aufzufangen, das die Fragen erregten.

Vom ersten Buch *zeige ich Ihnen einfach nur den Einband, was könnte einem verregneten Menschen besseres passieren als dieses Buch und den Menschen vorne drauf (dazu auch der aktuelle Beitrag auf der SprechLichtung, "Eine Instanz", vom 17.08.2012) und darin nur anzuschauen:
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Aber *ich habe es auch gelesen und wieder gelesen, die Ergebnisse des Lesens und weiter Denkens finden Sie ja auch inzwischen in diesen Blogs.

Das zweite Buch war aber das einflussreichere, das tiefere, das beruhigendere, die beiden Bücher waren genau die richtige Mischung, das obere war anregend und spritzig, das untere war beruhigend und langwirkender, vielleicht kommt das bei Richard P. Feynman noch, denn noch fällt es mir nicht so einfach, wie es ist, aber was noch nicht ist ...

Von dem anderen Buch möchte *ich Ihnen den Epilog einfach nicht vorenthalten, es ist eine wahre Fundgrube an Klugheit und der für mich noch nicht ganz zu greifenden Weisheit, ach wissen Sie, auch im obigen Buch ist davon etliches enthalten, warum ist das eine nur leichter, während mir das untere schwerer und deswegen bedeutender vorkommt?

Vielleicht weil es mir näher ist, weil mir auch das Erleben von Erwin Schrödinger näher ist, bin noch nicht dahinter gekommen, aber bevor *ich ins räsonieren komme, der für-m *ich so nachhaltige und befördernde Text, der Epilog eines grossartigen Buchs der Aufklärung.

Von diesem Menschen:
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Über Determinismus und Willensfreiheit

Als Belohnung für all die Mühe, die ich auf die Darlegung der rein wissen-schaftlichen Seite unseres Problems sine ira et studio verwandt habe, gestatte ich mir hier, meine eigene, notwendigerweise subjektive Ansicht über die philosophischen Schlüsse, zu denen es Anlass gibt, anzuführen.


Nach dem oben Vorgebrachten sind die raumzeitlichen {*ich schreibe: "RaumZeit", aber Sie wissen jetzt, und *ich auch, woher *ich diese Zusammenlegung habe, nach dem Lesen von Albert Einstein hatte *ich sie noch nicht} Abläufe im Körper eines Lebewesens, die seiner Geistestätigkeit und seinen bewusst oder sonstwie ausgeführten Handlungen entsprechen, wenn nicht strikt deterministischer, so doch statistisch-deterministischer Art (auch in Anbetracht ihrer komplexen Struktur und der allgemein anerkannten Deutung der physikalischen Chemie). Dem Physiker gegenüber möchte ich betonen, dass nach meiner Ansicht, die allerdings verschiedentlich nicht geteilt wird, die Unbestimmtheit der Quanten bei diesen Vorgängen keine biologisch wesentliche Rolle spielt, ausgenommen vielleicht durch Steigerung des Zufallscharakters von Vorgängen wie der Reifeteilung, der natürlichen und der durch Röntgenstrahlen hervorgerufenen Mutation usw. – und das ist sowieso unbestritten. 

Wir wollen diese Behauptung zunächst einmal als feststehende Tatsache betrachten, wie es wohl jeder unvoreingenommene Biologe tun würde, wenn nicht das wohlbekannte unangenehme Gefühl da wäre, das entsteht, wenn man »sich selber als bloßen Mechanismus erklären« soll. Man hat nämlich den Eindruck, dass sie der Willensfreiheit, die durch die unmittelbare innere Erfahrung verbürgt ist, widerspricht. 

Unmittelbare Erfahrungen aber, so verschieden und ungleichartig sie auch sein mögen, können sich logischerweise gar nicht widersprechen. Wir wollen daher versuchen, ob wir nicht aus den folgenden beiden Prämissen den richtigen, widerspruchslosen Schluß ziehen können: 
1. Mein Körper funktioniert als reiner Mechanismus in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen. 
2. Doch weiss ich auf Grund unbestreitbarer unmittelbarer Erfahrung, dass ich seine Bewegungen leite und deren Folgen voraussehe, die entscheidend und höchst bedeutsam sein können; in diesem Falle empfinde und übernehme ich die volle Verantwortung für sie. {Da war und ist Herr Schrödinger aber ziemlich alleine, ohh!, verzeihen Sie diesen Ausfall eines Eindrucks, aber manchmal muss das einfach mal raus, so mitten in der Krise, ach ...}
Die einzig mögliche Folgerung aus diesen zwei Tatsachen ist die folgende: Ich – Ich im weitesten Sinne des Wortes, d.h. jedes bewusst denkende geistige Wesen, das sich als »Ich« 
bezeichnet oder empfunden hat – ist die Person, sofern es überhaupt eine gibt, welche die »Bewegung der Atome« in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen leitet. 
Wenn man einem Kulturkreis angehört, in dem gewisse Begriffe, die bei anderen Völkern einen weiteren Sinn hatten oder haben, eingeengt und spezialisiert worden sind, ist es gewagt, diesen Schluss in so einfachen Worten auszudrücken, wie es die Sache erfordert. Es klingt gotteslästerlich und wahnsinnig, wenn man sich der christlichen Ausdrucksweise bedient und erklärt: »Also bin ich der Liebe Gott.« {Kaum hatte also Eines hier behauptet ein Selbst zu sein, einfach ein blosses nacktes kleines Selbst zu sein, schon war Es Gottgleich, so enorm eng war das Gottesbild hier, so klein war der (das?) Gott hier, deshalb konnte auch [k]einer wie Adolf Hitler das Selbst von so VIELEN sein, weil die kaum Eines waren, ein klares ich, klein aber fein, Nein, ein Wille, ein Volk, ein Führer, Gott, und für die Fremden war dieser Gott der Teufel, so ist der Teufel immer der Gott der anderen, der Fremde; kennen Sie Siegmund Freud, klar, ist also auch eine Gesellschaft therapierbar oder sind es nur Einzelne?} Setzen wir uns aber für den Augenblick darüber hinweg und überlegen wir uns, ob die obige Folgerung nicht einem biologischen Beweise Gottes und der Unsterblichkeit zugleich am nächsten kommt. 
An sich ist die Einsicht nicht neu. Die frühesten Aufzeichnungen datieren meines Wissens mindestens 2500 Jahre zurück. Seit den frühen großen Upanischaden betrachtet die indische Philosophie die Gleichsetzung Atman = Brahman (das persönliche Selbst ist dem allgegenwärtigen, alles umfassenden ewigen Selbst gleich) keineswegs als Gotteslästerung, sondern ganz im Gegenteil als die tiefste Einsicht in das Weltgeschehen. Das Streben aller Vedânta-Schüler war, kaum dass ihre Lippen Worte zu formen vermochten, darauf gerichtet, sich diesen grössten aller Gedanken wirklich einzuverleiben. 
Auch die Mystiker vieler Jahrhunderte haben unabhängig voneinander und doch in vollkommener Harmonie (den Partikeln eines Idealgases vergleichbar) die einzigartige Erfahrung ihres Lebens in Worten beschrieben, die sich zu dem Satz verdichten lassen: Deus factus sum (»Ich bin Gott geworden«). 
Dem westlichen Denken ist diese Vorstellung fremd geblieben, trotz Schopenhauer und andern, welche sie vertraten, und trotz aller wahrhaft Liebenden, die beim Anblick des geliebten Wesens gewahr werden, dass Denken und Freuen ihnen gemeinsam und nicht nur ähnlich oder gleichartig sind. Allerdings sind sie meist zu sehr mit ihrem Gefühlsüberschwang beschäftigt, um noch klar denken zu können – und darin sind sie den Mystikern recht ähnlich. 
Man erlaube mir einige weitere Bemerkungen. Bewusstsein wird nie in der Mehrzahl, stets nur in der Einzahl erlebt. Sogar in den pathologischen Fällen der Bewusstseins- oder Persönlichkeitsspaltung wechseln die zwei Personen, sie offenbaren sich nie gleichzeitig. In einem Traum spielen wir tatsächlich die Rollen verschiedener Personen zur gleichen Zeit, aber nicht ohne zu unterscheiden: Wir sind eine Person und handeln und sprechen als solche unmittelbar, während wir oft ungeduldig die Antworten oder die Reaktion einer anderen Person erwarten, ohne darauf zu achten, dass wir selbst ihr Reden und Handeln gerade so in der Hand haben wie unser eigenes. 
Wie entsteht überhaupt die (von den Verfassern der Upanischaden so nachdrücklich bestrittene) Vorstellung der Vielheit? Das Bewusstsein findet sich in engster Beziehung und Abhängigkeit vom physikalischen Zustand eines begrenzten Teiles des Stofflichen, des Körpers. (Man beachte die geistigen Veränderungen während der körperlichen Entwicklung in der Pubertät, beim Altern, beim Vergreisen usw., oder man denke an die Wirkungen von Fieber, Rausch, Narkose, Gehirnverletzungen usw.) Nun gibt es eine große Vielzahl gleicher Körper. Daher liegt es nahe, sich Bewusstsein oder Geist in der Mehrzahl zu denken. Wahrscheinlich teilen alle einfachen und unverbildeten Menschen diese Denkweise mit den meisten westlichen Philosophen. {Oha!}
Von da zum Erfinden von Seelen – von so vielen Seelen, wie es Leiber gibt – ist es kein weiter Schritt, und die Frage liegt nahe, ob sie sterblich sind wie der Leib oder ob sie unsterblich und eines Eigendaseins fähig sind. Die erste Möglichkeit will uns nicht recht eingehen, während die zweite die Tatsachen, auf welche sich die Hypothese von der Vielfalt stützt, einfach vergisst, übersieht oder verleugnet. Aber es sind schon viel einfältigere Fragen aufgeworfen worden: Haben auch die Tiere Seelen? {Ja.} Man hat sogar gefragt, ob auch die Frauen oder nur die Männer eine Seele besitzen. 
Folgerungen dieser Art erschüttern, auch wenn sie nur zögernd gezogen werden, das Vertrauen in die Vielheitshypothese, die allen offiziellen westlichen Glaubensbekenntnissen gemeinsam ist. Verfahren wir nicht noch viel unsinniger, wenn wir zwar ihren groben Aberglauben ausmerzen, aber doch ihre naive Vorstellung von der Vielheit der Seelen behalten und ihr durch die Erklärung »beikommen« wollen, dass auch die Seelen vergänglich seien und mit ihren Leibern zugrunde gingen? 
Uns bleibt nur eines übrig: wir müssen uns an die unmittelbare Erfahrung halten, dass das Bewusstsein ein Singular ist, dessen Plural wir nicht kennen; dass nur eines wirklich ist und das, was eine Mehrzahl zu sein scheint, nur eine durch Täuschung (das indische Maja) entstandene Vielfalt von verschiedenen Erscheinungsformen dieses Einen ist. Die gleiche Illusion entsteht in einer Spiegelgalerie, und in der gleichen Weise stellten sich der Gaurisankar und der Mt. Everest als ein und derselbe, aber von verschiedenen Tälern aus gesehene Gipfel heraus. Nun haben wir allerdings den Kopf voll toller Gespenstergeschichten, die uns daran hindern, eine so einfache Lösung anzuerkennen. Man sagt mir zum Beispiel, ich könne den Baum da draussen vor meinem Fenster gar nicht wirklich sehen. Durch einen listigen Trick (der erst in seinen verhältnismäßig einfachen Anfangsstadien erforscht sei) werfe der wirkliche Baum ein Bild seiner selbst auf mein Bewusstsein und meine Wahrnehmung betreffe nur dieses Bild. Wenn ein anderer an meiner Seite stehe und den gleichen Baum ansehe, so werde dieser ebenfalls sein Bild auf dessen Seele werfen. Ich sehe meinen Baum und er sieht seinen (dem meinen bemerkenswert ähnlichen Baum, und was der Baum eigentlich an sich ist, wissen wir nicht. Für diese Überspanntheit ist Kant verantwortlich. Sobald man aber das Bewusstsein als ein singulare tantum betrachtet, wird die Kantische Betrachtungsweise passenderweise durch die Feststellung ersetzt, dass offensichtlich nur ein Baum dasteht und all der Bilderzauber eine Spiegelfechterei ist. 
Und doch haben wir alle den unbestreitbaren Eindruck, dass die Gesamtheit unserer persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen eine Einheit bildet, die von derjenigen irgendeiner anderen Person durchaus verschieden ist. Wir nennen diese Einheit unser »Ich«. Was ist dieses »Ich«? 
Bei näherem Zusehen wird es sich meines Erachtens herausstellen, dass es etwas mehr ist, als nur eine Anhäufung einzelner Gegebenheiten (Erfahrungen und Erinnerungen), nämlich sozusagen die Leinwand, auf welcher diese festgehalten sind. Und man wird bei eingehender Selbstprüfung gewahr werden, dass das, was man wirklich unter dem »Ich« versteht, eben jener Grundstoff ist, auf dem sie gesamthaft aufgetragen sind. Es kann geschehen, dass man in ein fernes Land verschlagen wird und alle Freunde aus den Augen verliert und fast vergisst; man wird neue Freunde gewinnen und sein Leben mit diesen ebenso intensiv teilen wie zuvor mit den alten. Die Erinnerung an das frühere Leben verliert im neuen Leben immer mehr an Bedeutung. Man mag dazu kommen, vom »Jüngling, der ich war«, in der dritten Person zu sprechen, und wahrscheinlich steht einem der Held des Romans, den man gerade liest, näher, jedenfalls scheint er einem viel lebendiger und vertrauter. Und doch liegt kein Bruch, kein Todesfall dazwischen. Und selbst wenn es einem geschickten Hypnotiseur gelingen sollte, alle früheren Erinnerungen in einem Menschen auszulöschen, so würde man doch nicht feststellen, dass er ihn getötet hat. In keinem Fall ist hier ein Verlust persönlichen Daseins zu beklagen. 
Und das wird auch nie der Fall sein.
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Immer wieder ein Gewinn, diese beiden Bücher zu lesen und für mich auch zu erkennen, in welches Gespräch *ich eingebettet bin, in ein Gespräch, das schon so lange läuft wie das DaSein ist.

Und dass *ich bis heute vielleicht nur bereits gesprochenes wiederhole ohne etwas Neues beigetragen zu haben, aber das ist der Anspruch, auch ein neues Wort zu [er]finden, einen neuen Satz zu bauen, der Uns gefällt oder für Uns sogar bedeutend ist, aber so weit bin Oliver-August Lützenich noch nich.

Aber was noch n*ich ist kann ja noch, das ist gewiss.
Sie lesen meine Texte hoffe *ich immer auch mit einem Lächeln, auch wenn sie ernst gemeint sind, so ist in jedem Text auch immer der Schalk verborgen, dann erträgt der Ernst das besser, dass er Ernst ist, ist doch so.
Danke.

Mittwoch, 1. August 2012

Ein A-Philosoph

Bekenntnisse. Ich bin ein A-Philosoph, kein P-Philosoph. Ein angelernter, ein Amateur-Philosoph, kein studiertes professionelles Philosoph. Was ist der Unterschied? Das P-Philosoph ist auch FachMensch im Fach Philosoph, kennt die Struktur[en] und die verschiedenen Richtungen und Ausprägungen genau[er]. Ob Es mehr Philosophen und Philosophien gelesen und studiert und mehr darüber und dazu gearbeitet hat, vor allem aber, was Es von der Lebendigkeit erlebt, erlitten, erfahren und Selbst reflektiert hat, ist jeweils eine Einzelbetrachtung wert; ich vermute, so Manches A-Philosoph ist stärker in die Philosophie eingestiegen als etliche P-Philosophen es vermögen, von deren Werken und Aussagen zur Wirklichkeit und dem Geschehen darin, um die es der Philosophie ja geht, ganz zu schweigen. Ich schreibe das, weil ich die Argumente von Professionellen zu Amateuren jeglichen Fachs kenne und sie auch verstehe, meistens sind sie richtig. Aber bitte beurteilen Sie meine Beiträge vorwiegend nach dem Inhalt und den Aussagen, weniger nach der nicht vorhandenen Fach-Ausbildung; ich weiss, das ist schwierig, das Misstrauen ist gross. Nun gut, zu meiner Unterstützung habe ich ein paar wohlbeleumundete und Ihnen vielleicht bekannte Philosophen gebeten, mir ein paar Zitate zu leihen, Sie haben zugesagt. Während Sie lesen, beobachte ich das Schwinden ihres Misstrauens und erfreue mich daran, denn die meisten Leses wissen: Das tue ich:

Richard Rorty (http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Rorty), aus: "Philosophy and the Mirror of Nature", 1979.
Kapitel VI Erkenntnistheorie und Philosophie der Sprache

2. Worüber haben unsere Vorfahren gesprochen?
Auszüge: "Diese Gleichstellung der Vernunft mit den philosophischen Dogmen des Tages spiegelt die Tatsache wider, dass die Philosophie es sich seit dem 17. Jahrhundert zu ihrer Aufgabe gemacht hat der Kultur ein zeitlos neutrales Begriffssystem anzubieten, das auf einer Trennung der Erforschung des Wirklichen - der Disziplin, die auf dem »sicheren Pfad einer Wissenschaft« wandeln - vom übrigen Teil der Kultur basiert.
...
Wenn das Wesen der Philosophie im Ausformulieren des Unterschieds zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft besteht, so scheint das Infrage stellen gegenwärtiger Formulierungen dieser Unterscheidung die Philosophie selbst in Frage zu stellen und mit ihr die Vernunft (deren wachsame Hüterin die Philosophie ist, sofern sie beständig die Kräfte der Finsternis abwehrt)."

5. Die Philosophie im Gespräch der Menschheit
Auszug: "..., auf welche Weise man zeitgenössische philosophische Fragen als Episoden einer bestimmten Station in einem Gespräch verstehen muss - einem Gespräch das einmal nichts von diesen Fragen wusste und das womöglich wieder einmal nichts von ihnen wissen wird.
...
Die Bedeutung des Fachs Philosophie oder irgendeines genialen Einzelphilosophen für das Gespräch hat sich laufend geändert und wird sich auch weiterhin infolge kontingenter Umstände auf unvorhersehbare Weise ändern. Solche Kontingenzen werden von den Ergebnissen der Physik bis zu politischen Ereignissen reichen. Geben wir den Gedanken auf, dass der Philosoph etwas über das Erkennen erkennen kann, was kein anderer ebenso gut zu erkennen vermag. {das Philosoph als Normalo, Nietzsche vom Berg gekegelt}
...
Es würde gleichfalls bedeuten, dass wir nicht mehr daran glauben, dass es so etwas wie eine »philosophische Methode« oder »philosophische Techniken« oder  den »philosophischen Standpunkt« gibt, die es dem professionellen Philosophen ex officio ermöglichen, beispielsweise über die Respektabilität der Psychoanalyse, die Legitimität zweifelhafter Gesetze, die Auflösung moralischer Konflikte, die »Fundiertheit« der Beiträge historiographischer Schulen oder literarischer Kritiker und dergleichen interessante Ansichten zu haben. Die Philosophen haben tatsächlich häufig zu solchen Fragen interessante Ansichten, und ihre professionelle Ausbildung als Philosophen ist oft eine notwendige Bedingung dafür, dass sie zu diesen Ansichten gekommen sind. Aber dies bedeutet nicht, dass die Philosophie über eine besondere Erkenntnisweise der Erkenntnisse (oder deren Gegenstände) verfügen, aus der sie die relevanten Folgerungen ziehen. Die nützliche Besserwisserei, die sie zu den oben erwähnten Themen beisteuern können, ermöglicht ihnen ihre Vertrautheit mit dem geschichtlichen Hintergrund von Antworten auf ähnliche Fragen und, was besonders wichtig ist, ist der Umstand, dass Antworten auf diese Fragen mit schalen philosophischen Clichés durchsetzt sind, auf die die anderen Teilnehmer am Gespräch in ihrer Lektüre nur gelegentlich treffen, über die die professionellen Philosophen jedoch das Pro und Contra auswendig hersagen können.
...
Das einzige worauf ich betehen möchte, ist das folgende: Das moralische Interesse der Philosophie sollte sich auf die Fortsetzung des abendländischen Gesprächs richten, nicht darauf, dass den traditionellen Problemen der Philosophie ein Platz in diesem Gespräch reserviert bleibt."

Karl R. Popper (http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Popper) hat ein ganzes Buch zur Verbreitung und Verbreiterung der Philosophie geschrieben, vielleicht aus dem Gefühl heraus, dass, was nur nach Innen schaut, eben das Aussen verpasst oder gerne auch umgekehrt. Das Buch trägt den Titel: "Alle Menschen sind Philosophen".

Bei Karl R. Popper fällt mir noch folgendes ein:
In dem Buch: "The Self and Its Brain", von 1977, welches Karl R. Popper mit John C. Eccles geschrieben hat, gibt es einen umfangreichen Teil mit Gesprächen der beiden Philosophen (http://de.wikipedia.org/wiki/John_Carew_Eccles, John C. Eccles war auch Neuro-Physiologe, mehr dazu bei Wiki), daraus ein Zitat:
Karl R. Popper, John C. Eccles: "Das Ich und sein Gehirn", aus dem "Dialog XI":

John Carew Eccles: "Ich würde ... gerne sagen, dass der Mensch in diesen Tagen seinen Weg verloren hat - was wir die Bedrohung der Menschheit nennen könnten. Er braucht eine neue Botschaft, durch die er mit Hoffnung und Sinn leben könnte. Ich galube, dass die Wissenschaft darin zu weit gegangen ist, dem Glauben des Menschen an seine geistige Grösse zu zerstören und ihm die Vorstellung zu geben, dass er lediglich ein unbedeutendes materielles Wesen in einer eisigen kosmischen Immensität ist. Nun impliziert diese strenge dualistisch interaktionistische Hypothese, die wir hier vorlegen, sicherlich, dass der Mensch viel mehr ist, als durch diese rein materialistische Erklärung gegeben ist. Ich glaube, es liegt ein Mysterium im Menschen und ich bin sicher, dass es wenigstens wunderbar für den Menschen ist, das Gefühl zu gewinnen, dass er nicht nur ein hastig gemachter Überaffe ist und dass etwas viel wunderbareres in seiner Natur und in seiner Bestimmung liegt."

Warum muss das Mensch etwas Besonderes sein, wenn das ganze DaSein doch schon etwas so besonderes ist? Noch mehr herausragen, als Wir sowieso schon tun ist ungesund, vermute ich, dazu auch, aber nicht nur!, der nun folgende Abschnitt von und zu Friedrich Nietzsche.
Vorher noch: Ich vermute viele Erklärungen und Klärungen gewinnen Wir Menschen erst, wenn Wir dieses (natürliche) Bedürfnis nach Heraushebung und Ab-/Besonderung abgebaut haben. Aber zunächst einer der Grossen.

Ohne Friedrich Nietzsche inzwischen keine Philosophie mehr, er hat die Philosophie auf den Berg geschoben, um den Überblick zu erhalten über das Tal und das Flachland, das Wir meistens Alle sind, aber er hat sich darin auch so manches mal verstiegen, was nicht nur ich so empfinde, trotzdem ganz ganz grossartig, was dieser Mensch so gefühlt und empfunden hat und dann mit Sprache daraus gemacht hat.
Das folgende habe ich als Lebensbeichte, Ansporn und auch als sehr langen Witz gelesen, denn ich habe dabei oft gelacht, obwohl Friedrich Nietzsche das bestimmt ernst gemeint hat, obwohl ... ja schon, jedoch bin ich sicher, wenn Er nicht auch bei so mancher Formulierung gemerkt hat wie derb Er dabei auf den Putz haut und nicht gelacht hat, dann hätte Er dieses grossartige Werk, das Er geschaffen hat nicht erschaffen können. Friedrich Nietzsche war ein Wühler ein verzweifelter Aufrüttler, nur hat Ihn damals keiner gehört oder hören wollen oder es hat Ihn kaum einer verstanden, ich verstehe Ihn, ich mag Ihn, ich würde gerne mit Ihm steigen gehen und ich würde gerne mit Ihm derbe Sprüche klopfen und auch mit Ihm auf-m ich etwas hinunterblicken, aber nicht zu weit. Viel Spass und Ernst bei folgendem.

Die ersten Seiten aus "Ecce Homo", geschrieben 1888 - 1898, erst erschienen, aus dem Nachlass, im Jahre 1908.

Wie man wird, was man ist.

Vorwort.

1.
In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde, scheint es mir unerlässlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte man’s wissen: denn ich habe mich nicht „unbezeugt gelassen“. Das Missverhältniss aber zwischen der Grösse meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, daß ich lebe?… Ich brauche nur irgend einen „Gebildeten“ zu sprechen, der im Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich nicht lebe… Unter diesen Umständen giebt es eine Pflicht, gegen die im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte revoltirt, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der. Verwechselt mich vor Allem nicht!

2.
Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, — ich bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu meinem Stolz gehört. Ich bin ein Jünger des Philosophen Dionysos, ich zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte, was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu „verbessern“. Von mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen, was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für „Ideale“) umwerfen — das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog… Die „wahre Welt“ und die „scheinbare Welt“ — auf deutsch: die erlogne Welt und die Realität… Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden — bis zur Anbetung der umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.

3.
— Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer — aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fühlt! — Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge — das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie ihrer grossen Namen kam für mich an’s Licht. — Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (— der Glaube an’s Ideal —) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit… Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich… Ich widerlege die Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an… Nitimur in vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit. —

4.
— Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe mit ihm der Menschheit das grösste Geschenk gemacht, das ihr bisher gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche Höhenluft-Buch — die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne unter ihm —, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen. Hier redet kein „Prophet“, keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu thun. „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die Welt —“
Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss: und indem sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.
Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag —
Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht „gepredigt“, hier wird nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, — eine zärtliche Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben… Ist Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer?… Aber was sagt er doch selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt? Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein „Weiser“, „Heiliger“, „Welt-Erlöser“ und andrer décadent in einem solchen Falle sagen würde… Er redet nicht nur anders, er ist auch anders…
Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es.
Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.
Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss auch seine Freunde hassen können.
Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?
Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!
Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen!
Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.
Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren…

Friedrich Nietzsche.

Kann ich mich dem anschliessen? Er steckte noch sehr im Glaubenskampf, in der Phase der Befreiung aus der Religion und ihren Vorstellungen und Traditionen, kein Wunder, Er entstammte schliesslich einem protestantischen Pfarrershaus, mir fehlt diese starke Glaubenseinbettung, obwohl auch ich sicher diese Hintergründe mitbekommen habe, aber ich bin eben nach der Wirkung "Nietzsche" geboren worden und habe vieles von dieser Mythologie und Überhöhung der Religionen schon abgestreift. Ausserdem geht mir das etwas manische, wahnhafte ab, das Nietzsche in den letzten Lebensjahren gepackt hatte, ich kann die Einsamkeit und auch den Frust des Missverstehens nachvollziehen, aber nicht die Überlegenheit, den Grössenwahn, der manche seiner Sätze anschob. Aber was darin an Gefühl, an Wissen, an Aussichten und Einsichten steckt ist Grossartig und fabelhaft formuliert und wenn Mensch den Wahn etwas abklopft auch wirklich witzig.
Nun, ich lasse in Zukunft das A- vor dem Philosoph wegg.
Beschwerden werden gerne angenommen und auch beantwortet.
Aber vorerst genug der Selbst-Rechtfertigung: aber ich sehe ja ein, dass es die auch braucht, bei all den vielen Stimmen und Stimmungen innerhalb der Menschen.
Beste Grüsse!